Am Reformationstag wurden die neuen Fenster über den Südportal der Stadtkirche enthüllt, das Bild zeigt das Hauptfenster. Foto: Wolfgang Gorsboth

Am Reformationstag wurden die neuen Fenster über den Südportal der Stadtkirche enthüllt, das Bild zeigt das Hauptfenster. Foto: Wolfgang Gorsboth

31.10.2017

Schlusspunkt der Generalsanierung am Reformationstag

Neue Glasfenster der Wittenberger Stadtkirche eingeweiht

Wittenberg (wg). „Eine Kirche ist das Gesicht der Kommune und Kirchenfenster sind die Augen in diesem Gesicht“, sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) aus Anlass der feierlichen Einweihung der von der halleschen Künstlerin Christine Triebsch für das Südportal der Stadtkirche geschaffenen neuen Fenster. Mit der Einweihung werde passgenau zum Reformationsfest der Schlusspunkt unter die Generalsanierung der wichtigsten Kirche der evangelischen Christenheit gesetzt.

Gerhard Feige, Bischof des Bistums Magdeburg, betonte, dass Kirchen auch ohne Worte mit Hilfe von Bildern predigen können, dazu gehörten auch Kirchenfenster. Diese Form der Predigt spreche das Auge an. Bei den neuen Fenstern würden Kunst und Spiritualität in einen überzeugenden Dialog treten. 

„Fenster öffnen den Raum zum Licht“, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann. Kirchenfenster seien jedoch keine Öffnung zur äußeren Umwelt, vielmehr öffneten sie den Blick für eine andere Wirklichkeit – die des Glaubens. Die künstlerische Gestaltung vertiefe dies.

Holger Brülls vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie informierte über das Zusammenspiel von Glas, Stein und Architektur. Nach der Enthüllung der neuen Glasfenster durch die Ehrengäste sprachen die Pfarrer Johannes Bock und Alexander Gerth das Segenswort. 

Punktlandung zum Abschluss der Generalsanierung 

„Wir haben mit den neuen Fenstern im Südportal eine Punktlandung zum krönenden Abschluss der Generalsanierung unserer Stadtkirche St. Marien hingelegt“, berichtet Stadtkirchenpfarrer Dr. Johannes Block im Gespräch mit dem Wittenberger Sonntag. Im Juni des Jahres hatte der Gemeindekirchenrat dem von der Künstlerin Christine Triebsch vorgelegten und erläuterten Entwurf zugestimmt, Anfang Oktober wurden die Fenster geliefert und Mitte Oktober eingebaut. 

Zuvor befanden sich dort ganz normale Glasfensterrahmen, die aufgrund ihrer Baufälligkeit im Zuge der Sanierung entfernt und mit Holz notverschalt waren. „Die Idee zu den neuen Fenstern über dem Besucherhaupteingang kam vom Architekten während der Beratungen zur sechsjährigen Generalsanierung“, so Block. Während des komplexen Verfahrens sei man sehr gut durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Halle beraten worden, die Fachleute hätten dem Gemeindekirchenrat eine Auswahl renommierter Künstler vorgelegt, aus der dieser Christine Triebsch ausgewählt habe. 

„Eine sehr gute Wahl“, betont Pfarrer Block mit Blick auf das Ergebnis. „Diese Fenster sind unser Beitrag zum Reformationsjubiläum, ein Fingerabdruck unserer Zeit, das dem Denkmalwert und der baukünstlerischen Bedeutung der Stadtkirche angemessen ist.“ 

Ein vielfältig lesbares Bild 

Die Bildsprache der drei konsequent nicht-gegenständlich gestalteten Fenster (Haupt- und zwei Nebenfenster)bezieht sich auf die reformationsgeschichtlichen und die baugeschichtlichen Besonderheiten des Ortes. Die geometrisch-abstrakten Formen ergeben ein ikonografisch vielfältig lesbares Bild. Zuerst fällt die strenge Achsensymmetrie des zentralen Portalfensters auf. Die Betonung des Mittelpunkts durch die sich im Zentrum treffenden Kreissegmente verweist auf Jesus Christus als Vermittler zwischen Gott und den Menschen und zugleich auf die Initialzündung, die durch Luthers Wirken an diesem Ort ausging. 

Die über die Fensterbegrenzungen hinaus virtuell ins Unendliche ausstrahlenden Kreise stehen für die sich schwungvoll und wellenartig ausbreitenden Ideen der Reformation. Die Anmutung von ausgebreiteten, gen Himmel erhobenen Armen der dominanten Winkelformen auf den schmalen Seitenfenstern kann als Einladung zu Gebet und Andacht verstanden werden.

Alte Technik interpretiert 

Dass sie sich dabei ohne ästhetischen Bruch in den historischen Bau einfügen, verdanken die neuen Fenster ihrer formalen Referenz an die Architektursprache der Südfassade sowie an gestalterische Elemente des Art Deco. Die aus reliefiertem Floatglas hergestellten Fenster nehmen das geometrische Lineament und damit die grafische Wirkung bleiverglaster Fenster auf lebendige Weise auf und interpretieren damit eine alte Technik neu. 

Mit unbunten Farben in gestuften Grautönen zwischen Weiß und Schwarz beziehen sich die Fenster auf die Tradition mittelalterlicher Grisaille-Glasmalerei, eine schon zu Luthers Zeiten hoch geschätzte Technik. Der partielle Auftrag von Gold hat nicht nur einen die inhaltliche Rezeption bestimmenden Zweck. 

Das goldene Lineament entfaltet im Licht unterschiedliche Wirkungen: bei Tag und Nacht, im Verlauf tageszeitlich bedingter Lichteinstrahlung, unter verschiedenen Betrachtungswinkel und mit seiner differenten Innen- und Außenansicht. Die Fenster wurden in Zusammenarbeit mit Christine Triebsch von der Glasmalerei Peters in Paderborn ausgeführt.

Professorin für Bild, Raum und Glas 

Triebsch, 1955 in Jena geboren, hat an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle studiert und hier 1980 das Studium mit dem Diplom für Bildende Kunst abgeschlossen. Nach einer zweijährigen Aspirantur war sie von 1980 bis 1991 freischaffend tätig. Seit 1991 leitet sie an der halleschen Kunsthochschule die Studienrichtung Bild, Raum, Glas, seit 1993 als Professorin. In den vergangenen 25 Jahren hat Christine Triebisch für profane, vor allem aber für sakrale Bauten zahlreiche Fenstergestaltungen ausgeführt, zuletzt für die Evangelische Stadtkirche in Jena (2014) und die Evangelische Stadtkirche in Lindau/Anhalt (2015). 

Spenden sind willkommen

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat der Stadtkirchengemeinde für die Generalsanierung der „Mutterkirche der Reformation“ 40.000 Euro gespendet. „Uns fehlen jetzt noch 150.000 Euro“, berichtet Pfarrer Block. Die neuen Kirchenfenster haben 74.600 Euro gekostet, die Hälfte wird über Bundesmittel finanziert, die andere Hälfte muss die Gemeinde bezahlen, die dafür Förderer und Mäzene sucht. Spenden für die neuen Glasfenster werden erbeten auf die Konto-Nummer – IBAN: DE91 35060 190 1551 7480 10, SWIFT/BIC: GENODED 1 DKD, Stichwort: Sanierung Stadtkirche WB RT56 - Glasfenster.




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