Hass überall: Die Ereignisse am Arsenal wurden auch dazu missbraucht, die Bundeskanzlerin übel zu attackieren. Foto: Stadtverwaltung Wittenberg

Hass überall: Die Ereignisse am Arsenal wurden auch dazu missbraucht, die Bundeskanzlerin übel zu attackieren. Foto: Stadtverwaltung Wittenberg

21.10.2017

Klartext-Kommentar von Wolfgang Marchewka

Sind wir schon wieder soweit?

Zur Erinnerung: Am 2. Oktober hat die Staatsanwaltschaft Dessau eine Pressemitteilung herausgegeben und darin den bis zu diesem Tage ermittelten Sachstand zu den Ereignissen am Arsenal bekannt gegeben. Staatsanwältin Naujock teilte mit, dass nach Auswertung der Zeugenaussagen und der vorhandenen Videoaufzeichnungen der später gestorbene 30 Jahre alte Wittenberger mit Begleiterin nach ausländerfeindlichen Beschimpfungen auf die Gruppe der Syrer zugegangen sei, es zunächst eine Rangelei gegeben habe, die von der Begleiterin getrennt worden sei, worauf der Deutsche dem Syrer einen Faustschlag versetzte. Der geschlagene Syrer schubste den Deutschen zurück, worauf dieser dem Syrer erneut einen Faustschlag versetzte. Erst dann schlug der übrigens minderjährige Syrer zurück und traf den Angreifer so unglücklich am Kopf, dass der Deutsche rückwärts umfiel und mit dem Kopf auf das Pflaster krachte, sich dabei solche Verletzungen zuzog, dass er später im Krankenhaus starb. Soweit die bekannten Fakten, neuere Erkenntnisse hat die Staatsanwaltschaft bisher nicht gemeldet.

Die Folge dieser amtlichen Mitteilung: Der Hass auf Facebook hörte nicht auf – Hass gegen den Syrer, die Flüchtlinge, die „Lügenpresse“, die jene Pressemeldung der Staatsanwaltschaft im Wortlaut unkommentiert veröffentlichte, Hass gegen die Staatsanwaltschaft, die „manipuliere“ und zur Abrundung natürlich noch Hass gegen Bundeskanzlerin Merkel, siehe Foto. 

Der Psychologe weiß, „Hass ist ein ungefilterter Effekt, man überträgt seine eigenen Probleme auf andere und kann damit eine Kettenreaktion auslösen.“ So formuliert es Dr. Nikolaus Särchen, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für psychische Erkrankungen an der Klinik Bosse in Wittenberg. Facebook sei ideal, um sich austoben zu können und zu versuchen, die Massen zu mobilisieren. 

Hinzukomme, dass es eine ganze Reihe von Menschen nicht gelernt hätten, wie Demokratie funktioniere. Vorschlag von Dr. Särchen: „Menschen, die friedlich zusammenleben wollen, sollten zeigen, wie Frieden funktioniert.“

Ein frommer Wunsch, denn leider hält sich die große Mehrheit der friedlichen Bürgerinnen und Bürger so sehr zurück, dass die Hasser vom rechten Rand bei Facebook die Deutungshoheit über die Ereignisse am Arsenal übernommen haben – inklusive der bedauerlichen Tatsache, dass die Begleiterin des Gestorbenen kurz nachdem sie als Zeugin vernommen und belehrt worden war, einem rechtsradikalen Magazin ein Interview gegeben und darin Behauptungen aufgestellt hat, die nicht zu den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft passen. Möglicherweise ist auch dieses Verhalten dieser Zeugin rechtswidrig und somit strafbar.

Aber auch andere haben sich auf Facebook widerlich weit aus dem digitalen Fenster gehängt, zum Beispiel mit der Behauptung, BILD schreibe die Wahrheit, die Staatsanwaltschaft dagegen manipuliere, nur weil ein Syrer beteiligt war. Ein anderer erfand gleich den Grund für die angeblichen staatsanwaltlichen Manipulationen: Das hätte sie zu DDR-Zeiten gelernt. 

Sind wir wieder soweit, dass die hemmungslos Hassenden Schindluder mit unserer Demokratie treiben können, ohne dass die Demokraten sich dazu äußern?




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