iederike Winter, Wolfgang Roos-Pfeiffer, Ältester der Nazareth-Stiftung, Ernst Belschner, ehemaliger Leiter GPVA-Wohnverbund, Dr. Rajah Scheepers, Dr. Matthias Benad, em. Prof. für Neuere Kirchengeschichte, Werner Braune und Martin Wulff (v.l.n.r.). Foto: Wolfgang Gorsboth

iederike Winter, Wolfgang Roos-Pfeiffer, Ältester der Nazareth-Stiftung, Ernst Belschner, ehemaliger Leiter GPVA-Wohnverbund, Dr. Rajah Scheepers, Dr. Matthias Benad, em. Prof. für Neuere Kirchengeschichte, Werner Braune und Martin Wulff (v.l.n.r.). Foto: Wolfgang Gorsboth

15.10.2017

Christliches Proprium in der diakonischen Arbeit

Werner Braune: „Die Diakonie hat nie nach Gesang- oder Parteibuch gefragt

Wittenberg (wg). Was ist das Besondere der Diakonie, das sogenannte (kirchliche) Proprium, wodurch sich Diakonie gegenüber anderen Dienstleistern des Sozialen profiliert abgrenzt? Diese Frage war Thema eines Fachtags, zu dem die GPVA (Gemeindepsychiatrischer Verbund und Altenhilfe gGmbH) der v. Bodelschwinghschen Stiftungen in die Leucorea eingeladen hatte. 

Ist es die ganzheitliche Wahrnehmung des Menschen? Ist es die Verwurzelung in gemeindlich-kirchlichen Strukturen? Ist es die Vermittlung einer Atmosphäre bedingungsloser Zuwendung und Akzeptanz? Man habe den Fachtag aus der Praxis für die Praxis konzipiert, erklärte Martin Wulff, Geschäftsführer der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal und der GPVA. Die eigenen Mitarbeiter würden umfassend in das Verständnis diakonischer Arbeit eingeführt. Überdies habe man zur Stärkung des diakonischen Profils das „Diakonikum“ entwickelt als besonderes Fortbildungsangebot für Mitarbeiter, die sich für das Amt des Diakon eignen. 

„Wenn wir an Strahlkraft gewinnen wollen, müssen wir bei der eigenen Mannschaft anfangen“, sagte Pastorin Friederike Winter, Geschäftsführerin der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, „dabei ist die Sichtweise auf das eigene Tun gefragt.“ 

Was sind die biblisch-theologischen Grundlagen diakonischer Arbeit? Dr. Rajah Scheepers, Pfarrerin in Berlin-Steglitz und Privatdozentin im Fachgebiet Kirchengeschichte an der Universität Marburg, widmete sich der Frage, wie viel reformatorischer Geist in der Diakonie steckt. Luthers 95 Thesen beinhalten viele Aussagen, die man heute unter „Soziale Gerechtigkeit“ zusammenfassen würde. So sei es besser, den Armen zu geben, als Ablässe zu kaufen. 

Armut war zu Zeiten Luthers ein Massenphänomen, das mittelalterliche, vielfach von Klöstern getragene Almosen- und Stiftungswesen war dem nicht mehr gewachsen. Für die Reformatoren sei es darum gegangen, Armut prinzipiell zu bekämpfen. 

Die „Leisniger Kastenordnung“ von 1523, von Luther empfohlen und in Druck gegeben, gilt als das älteste evangelische Sozialpapier. „Man kann die der Kastenordnung zugrunde liegende Idee als kommunale Diakonie bezeichnen“, berichtete Sheepers. Luther sei es um eine eigenverantwortliche Gemeinde gegangen, die sich um die Armen kümmere, wobei damals die Pfarrgemeinde noch identisch ist mit der kommunalen Gemeinde. Es sei Aufgabe der Obrigkeit, soziale Verantwortung zu übernehmen. 

Gottesdienst (Wort und Sakrament) und die Sorge für die Armen gehören zusammen. Die Liebe zum Nächsten ist Auftrag und Ziel diakonischen Handelns, dabei wird der Einzelne vom christlichen Menschen- und Gottesbild dazu ermutigt, in Freiheit und Verantwortung die beste Art und Weise finden, diese Liebe zu verwirklichen. 

Pastor Werner Braune beschrieb in seinem Vortrag die kreative Bewältigung von Herausforderungen, mit denen diakonische Einrichtungen in der DDR zurechtkommen mussten. Braune, am 2. Juni 1936 in Lobetal als Sohn des damaligen Leiters der Hoffnungstaler Anstalten geboren, übernahm 1979 die Leitung der Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee, zu jener Zeit eine der größten diakonischen Einrichtungen der DDR. 

„Die SED hatte das Problem, dass die DDR ein Land war, in dem die sozialistische Idee auf kirchliche Wohlfahrtsverbände stieß, die bekannt und beliebt waren“, erklärte Braune und schilderte Beispiele für die Hetze gegen kirchliche und diakonische Einrichtungen und welchen Nöten Mitarbeitende ausgesetzt waren. Die jungen Gemeinden wurden als illegale Jugendorganisationen bekämpft, christliche Schüler mussten die Oberschulen verlassen, konfessionellen Pflegeheimen drohte die Enteignung. 

Dass es auch in der DDR Behinderte gab, habe die SED spät begriffen, erst 1979 wurde eine erste Wohneinheit in Berlin eröffnet. „Bei den Behinderten hat die SED schnell den Klassenstandpunkt gegen den Kassenstandpunkt getauscht“, so Braune. Auch die Gespräche zwischen Staat und Kirche ab 1978 brachten keine wirkliche Veränderung: „Ideologie war immer wichtiger als Sachargumente, die Herrschaft der Partei stand nie zur Frage.“ 

Die Formel „Kirche im Sozialismus“ wurde geprägt, „wir waren aber nie Partner des Staates“, betonte Braune. Fast alle diakonischen Einrichtungen hatten Mitarbeiter beschäftigt, die Ausreiseanträge gestellt hatten und woanders keine Arbeit mehr fanden. „Kirche und Diakonie waren für ihre Mitarbeiter in der DDR ein feste Burg, die gegen Schwert und Flamme der Partei, die immer recht hatte, schützte“, erläuterte Braune. So habe es gleichzeitig partielle Resistenz und partielle Zusammenarbeit gegeben, denn ohne gesetzlicher Regelungen bedurfte es des Gesprächs: „Zwischen Gespräch und Verrat war oft ein schmaler Grat.“ 

Die Kirchen und diakonischen Einrichtungen wurden zu einem Ort des freien Wortes, von hier nahmen die Veränderungen vom Herbst 1989 ihren Anfang. Ende der 80er Jahre, als die Macht der SED zerbröselte, wurde Braune zum gefragten Mittelsmann, der mit Zurückhaltung und Besonnenheit agierte, unter anderem war er daran beteiligt, Erich Honecker und seiner Frau in Lobetal, im einstigen Pfarrhaus seiner Kindheit, sicheres Asyl zu gewähren. „Die Diakonie in der DDR hat nie nach Gesang- oder Parteibuch gefragt, sie hat geholfen, wo Not war.“




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