13.09.2017

Wittenberger Sonntag liest die Aachener Nachrichten

Heiner Geißler: Ein Mann mit Prinzipien

Aachen (ots) - Ich muss gestehen: Heiner Geißler war für mich lange Zeit eine negative Reizfigur. Das lag nicht nur, aber vor allem an zwei polemischen Sätzen in der Nachrüstungsdebatte der frühen 80er Jahre. Da war zunächst Geißlers Versuch, die SPD als "fünfte Kolonne" des Ostblocks zu diffamieren. Als deutlich schlimmer noch empfand ich seine Bemerkung, der Pazifismus der 30er Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht. Dieser Spruch ausgerechnet aus dem Mund eines CDU-Politikers, in dessen Partei ehemalige Nazis wie Hans Globke, Kurt Georg Kiesinger und Hans Filbinger eine steile Karriere machen konnten, war in meinen Augen eine unverzeihbare Ungeheuerlichkeit, eine dreiste Verantwortungsverschiebung. 

Als die sozialdemokratische Ikone Willy Brandt ihn etwas später den größten Hetzer seit Goebbels nannte, habe ich nicht nur innerlich applaudiert. Vielleicht hat Geißler seinen Satz in den vergangenen Jahren bereut. Darauf angesprochen, druckste er meist heftig herum. Alte Fehler zuzugeben, ist gerade für Politiker offenbar nicht so einfach.

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte sich mein Bild von ihm bereits radikal geändert. Mag sein, dass es mir vorher nur nicht aufgefallen war: Aber plötzlich, seit Beginn des neuen Jahrtausends, entpuppte sich Geißler als wortgewaltiger Kämpfer gegen den neoliberalen Raubtierkapitalismus. Mit der gleichen Verve, mit der er als CDU-Generalsekretär den politischen Gegner attackiert hatte, stürzte sich Geißler nun auf ein Wirtschaftssystem, in dem der "Shareholder Value", also die Interessen von Kapitaleignern, zum Maß aller Dinge geworden war, die Arbeitnehmer hingegen nur noch als Kostenfaktoren wahrgenommen wurden. Seine Kritik daran war fundamental, ging weit über den von Parteien rechts der Mitte gerne propagierten "mitfühlenden Konservatismus" hinaus. 

Natürlich musste man auch in seinen letzten Jahren mit Geißler nicht immer einer Meinung sein. Aber klar war: Hier steht ein Mann, der altersweise geworden ist und Prinzipien hat. Hier steht ein Mann, für den das "C" im Namen seiner Partei nicht nur Folklore ist. Hier steht ein Mann, der sich der katholischen Soziallehre tatsächlich verpflichtet fühlt, der sich für die wirtschaftlich Schwächeren einsetzt, der ernsthaft einen fairen Ausgleich zwischen Kapitalinteressen und Arbeitnehmern anstrebt. 

Dass Geißler als einer von wenigen Christdemokraten versuchte, die soziale Marktwirtschaft gegen die Angriffe des globalisierten Finanzkapitals zu verteidigen, brachte ihm großen Respekt und viele neue Anhänger gerade unter ehemaligen politischen Gegnern ein. In seiner eigenen, vom neoliberalen Bazillus heftig infizierten Partei wurde er hingegen zunehmend zum Außenseiter. Viele Christdemokraten stöhnten zuletzt nur noch genervt auf, wenn Geißler sich zu Wort meldete. Darüber können auch die zahlreichen Würdigungen aus Anlass seines Todes nicht hinwegtäuschen. Geißler blieb bis zuletzt ein temperamentvoller Mahner, ein Streiter mit Rückgrat und ein Impulsgeber von hoher Glaubwürdigkeit. Er wird fehlen. Sehr fehlen. Nicht nur seiner Familie und seinen Freunden, sondern auch seiner Partei. Denn ein Politiker mit ähnlichen Grundsätzen wie Geißler ist in der CDU weit und breit nicht in Sicht. Die Lücke, die er hinterlässt, ist gewaltig.




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