Die Akteure beim V. Wittenberger Gespräch: Prof. Dr. Martin Holtkamp (3.v.l.), Dr. Christina Nunnemann (3.v.r.), Ingrid Coban und Michael Mielke (r.), Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge sowie Marcel Paul(l.) und Stephan Zöllner von der Bethel-Begegnungsstätte in Wittenberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

Die Akteure beim V. Wittenberger Gespräch: Prof. Dr. Martin Holtkamp (3.v.l.), Dr. Christina Nunnemann (3.v.r.), Ingrid Coban und Michael Mielke (r.), Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge sowie Marcel Paul(l.) und Stephan Zöllner von der Bethel-Begegnungsstätte in Wittenberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

28.07.2017

Entwicklung und Chancen bei Epilepsien

Bethel-Begegnungsstätte: V. Wittenberger Gespräch

Wittenberg (wg). Die Epilepsie gehört heute zu den gut behandelbaren neurologischen Erkrankungen. Bei circa zwei Drittel aller Epilepsie-Patienten kann mit einer medikamentösen Therapie komplette Anfallsfreiheit erzielt werden, dazu wählen die Mediziner aus einer breiten Palette an Medikamenten dasjenige aus, das beim Patienten die geringsten Nebenwirkungen entfaltet. 

„Die Auswahl des Mittels erfolgt individuell auf den Patienten zugeschnitten“, erklärte Prof. Dr. Martin Holtkamp, Medizinischer Direktor des Epilepsie-Zentrums Berlin-Brandenburg (EZBB) am Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge beim fünften Wittenberger Gespräch zum Thema „Epilepsien – Entwicklung und Chancen“, zu dem die Bethel-Begegnungsstätte in den Malsaal der Cranach-Stiftung eingeladen hatte.  Der Einsatz für anfallskranke Menschen ist der traditionsreichste Arbeitsbereich der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und reicht zurück bis ins Gründerjahr 1867. 

Bei einem Drittel der Patienten gelingt es trotz mehrfacher Versuche nicht, Anfallsfreiheit herzustellen, unter bestimmten Voraussetzungen kann eine epilepsiechirurgische Behandlung zum Erfolg führen. Nach entsprechenden Untersuchungen wird 30 bis 40 Prozent der Patienten eine Resektion des epileptogenen Fokus (Anfallsursprung) empfohlen, jeder fünfte lehnt dies aufgrund der Angst vor einer offenen Hirnoperation ab. 

„Hier ist künftig die Abtragung (Ablation) des Anfallsfokus mit einem Laser eine Alternative“, berichtete Holtkamp. Bei dem in den USA entwickelten Verfahren wird eine dünne Sonde stereotaktisch in die Hirnregion vorgeschoben, die die epileptischen Anfälle verursacht und mit Zuführung hoher Temperaturen zerstört. „Im Gegensatz zur Resektion ist dies ein deutlich schonenderes Verfahren, in circa 50 Prozent der Fälle wird Anfallsfreiheit erreicht“, so Holtkamp. Als erstes Zentrum in Deutschland wird das EZBB dieses Verfahren in Kooperation mit der Klinik für Neurologie und Stereotaktische Neurochirurgie der Universität Magdeburg eben dort etablieren. 

Das Erscheinungsbild von Epilepsien ist sehr vielfältig, ebenso unterschiedlich sind die Auswirkungen für die Patienten. Ausgelöst werden die Anfälle durch eine synchronisierte Entladung großer Nervenzellenverbände im Gehirn. „99,99 Prozent der Anfälle hören von selbst wieder auf, warum, wissen wir nicht, hingegen sind die Ursachen sehr gut erforscht“, sagte Holtkamp. Bei der Behandlung muss zudem eine Verwechslung mit ähnlichen Erscheinungsformen ausgeschlossen werden, dies betrifft die Ohnmacht (Auslöser: Hitze, langes Stehen, Aufregung) sowie psychogene Anfälle. 

Weil viele Betroffene sich an Anfälle nicht erinnern können, ist es wichtig, dass sich Dritte Verlauf und Dauer des Anfalls einprägen oder ihn mit dem Handy dokumentieren, damit der behandelnde (Not-)Arzt eine sichere Anamnese stellen kann. Außerdem empfiehlt Holtkamp: Ruhe bewahren, den Patienten vor Verletzungen schützen, mit dem Patienten während und nach dem Anfall sprechen und ihm Fragen stellen, stabile Seitenlage herstellen. 

Handelt es sich um einen ersten Anfall oder ist der Betroffene unbekannt, sollte der Krankenwagen gerufen werden. Was sollte man auf keinen Fall tun? „Dem Patienten einen Gegenstand in den Mund schieben und das motorische Zucken des Patienten zu unterdrücken versuchen“, warnte Holtkamp. Auch brauche der Betroffene während und nach dem Anfall kein Notfall-Antiepileptikum. 

Epilepsien haben auch eine soziale Dimension, die für Betroffene oft gravierender ist als die medizinische: Krampfanfälle mitten in der Fußgängerzone, unkontrollierte Schreie, Schaum auf den Lippen – unaufgeklärte Menschen halten Epilepsiekranke für betrunken oder geisteskrank. Die ständige Angst vor Aussetzern traumatisiert viele Patienten, dazu kommen Einschränkungen in der Mobilität (Auto fahren ist oft tabu) und berufliche Schwierigkeiten. „Die negative Einstellung gegenüber Epilepsiekranken hat abgenommen“, bezog sich Ingrid Coban, Leiterin der Sozialtherapeutischen Dienste des Epilepsie-Zentrums Bethel, Krankenhaus Mara, auf umfangreiche Befragungen, die von 1967 bis 2008 durchgeführt wurden. Die Erwerbstätigkeit Betroffener hat zugenommen, zahlreiche Berufe dürfen nach einem Jahr Anfallsfreiheit ohne Einschränkungen ausgeübt werden, bei Berufen mit hohem Gefährdungspotenzial (Kraftfahrer) ist eine anfallsfreie Zeit von fünf Jahren nach Absetzen des Medikaments vorgeschrieben. Wer Probleme hat, zur Arbeit zu kommen, kann Kraftfahrzeughilfe und/oder Arbeitsassistenz beantragen. 

 Dr. Christina Nunnemann, Oberärztin der Klinik für Neurologie der Klink Bosse, informierte über die Versorgung von Patienten im Kreis Wittenberg. Sie werden mit EEG und bildgebenden Verfahren wie MRT und CT untersucht, ergänzt durch EKG-Monitoring und Kreislaufbelastungstests. Neben der medikamentösen Einstellung bietet die Klinik Bosse auch eine ergo- und physiotherapeutische Mitbehandlung an. „Eine prächirurgische Epilepsiediagnostik erfolgt bei uns nicht, hier kooperieren wir mit Epilepsiezentren wie dem EZBB“, so Nunnemann.




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