Die Referenten beim 4. Wittenberger Gespräch: Michael Mielke, Geschäftsführer des Königin Elisabeth Krankenhauses Herzberge in Berlin, Birgit Neuwirth, Leiterin der Alexianer Ambulante Dienste, Prof. Dr. Günther Wienberg, Chefarzt Dr. Nikolaus Särchen, Petra Stein, Regionalgeschäftsführerin der Alexianer Sachsen-Anhalt GmbH, Prof. Dr. Ingmar Steinhart und Stephan Zöllner (v.l.n.r.), Leiter der Bethel-Begegnungsstätte Wittenberg. Foto: privat

Die Referenten beim 4. Wittenberger Gespräch: Michael Mielke, Geschäftsführer des Königin Elisabeth Krankenhauses Herzberge in Berlin, Birgit Neuwirth, Leiterin der Alexianer Ambulante Dienste, Prof. Dr. Günther Wienberg, Chefarzt Dr. Nikolaus Särchen, Petra Stein, Regionalgeschäftsführerin der Alexianer Sachsen-Anhalt GmbH, Prof. Dr. Ingmar Steinhart und Stephan Zöllner (v.l.n.r.), Leiter der Bethel-Begegnungsstätte Wittenberg. Foto: privat

22.06.2017

Wittenberger Gespräch der Bethel-Begegnungsstätte

Hunderttausende leiden an schwerer psychischen Erkrankung

Wittenberg (wg). Zwischen 500.000 bis eine Million Erwachsene in Deutschland leiden dauerhaft an einer schweren psychischen Erkrankung. Auch mehr als 40 Jahre nach der Psychiatrie-Reform bestehen in Deutschland immer noch erhebliche Defizite in der Versorgung der Betroffenen, weil sie die Regelangebote der niedergelassenen Fachärzte und Psychotherapeuten nicht wahrnehmen können, weil dort die Ressourcen für ihre aufwendige Behandlung fehlen und weil sie von sozialer Exklusion bedroht ist. 

Das vierte Wittenberger Gespräch, zu dem die Bethel-Begegnungsstätte in den Malsaal der Cranach-Stiftung eingeladen hatte, wies anhand des „Funktionalen Basismodells“ als Standard für die Behandlung und Teilhabe von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen eine Zukunftsvision für die Gemeindepsychiatrie auf. Mit Prof. Dr. Günther Wienberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der von Bodelschinghschen Stiftungen Bethel und Prof. Dr. Ingmar Steinhart, Geschäftsführer Stiftungsbereich Bethel regional, waren zwei ausgewiesene Experten als Referenten eingeladen, die das „Funktionale Basismodell“ entwickelt haben. 

„Die Psychiatrie-Reform war eine der erfolgreichsten Reformen überhaupt“, betonte Wienberg, „trotzdem gilt, nach der Reform ist vor der Reform.“ Seit 1975 habe sich in der Bundesrepublik vieles verbessert, dies sei in Ostdeutschland ab 1990 in kurzer Zeit nachgeholt worden. So erfolgen zwei Drittel der Behandlungen gemeindenah und ambulant. Die Zahl der psychiatrischen Krankenhausbetten hat sich fast halbiert, steigt inzwischen aber wieder. 

Die durchschnittliche stationäre Verweildauer hat sich von mehreren Monaten auf unter 20 Tage verkürzt, „zugleich dreht sich die Drehtüre aber immer schneller“, erklärte Wienberg, „denn die Wiederaufnahmeraten binnen eines Jahres betragen 40 bis 65 Prozent.“ Die Plätze im Maßregelvollzug haben sich verdreifacht, wofür es nach Aussage Wienbergs keine rationale Erklärung gebe. Die Zahl der niedergelassenen Fachärzte stagniert bei circa 5.000, während die Zahl der ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten seit 1991 auf über 20.000 explodiert ist. „Die niedergelassenen Fachärzte versorgen 70 Prozent der Patienten mit 25 Prozent des Budgets, während die Psychotherapeuten für 30 Prozent der Patienten 75 Prozent des Budgets beanspruchen“, markierte Wienberg eine Schieflage, die wesentlich zur bestehenden Unterversorgung beiträgt. 

Sozialgesetzbücher und das Verhalten der Gesetzlichen Krankenkassen verschärfen die Finanzierungs- und Versorgungslücken. Immer noch befinden sich rund 60.000 Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in Heimen, 90 Prozent davon wollen in den eigenen vier Wänden leben. Viele Betroffene befinden sich zudem in Pflegeinrichtungen (Altenheime), in denen sie nicht hingehören. Dazu kommen circa 195.000 Obdachlose sowie 63.000 Menschen im Justizvollzug und U-Haft, die eine behandlungsbedürftige psychische Störung aufweisen – aber nicht behandelt werden. Ein Drittel der Hartz IV-Empfänger weist binnen eines Jahres mindestens eine psychiatrische Diagnose auf. „Wir haben zum Teil eklatante Versorgungslücken“, so Wienberg. 

Dass auch die schweren Fälle bedarfsgerecht behandelt und überdies umfassende Teilhabechancen gewährleistet bekommen, gehört nach Ansicht Wienbergs und Steinharts zu den großen Herausforderungen der psychiatrischen Versorgungssystems, wobei sich die damit verbundenen Standards sowohl aus dem Grundgesetz (Würde, Autonomie, Freiheit, Chancengleichheit und Teilhabe – Art. 3; Gesundheitsversorgung – Art. 25; umfassende Habilitation und Rehabilitation – Art. 26 sowie das Recht auf unabhängige Lebensführung – Art. 19) als auch aus dem UN-BRK zwingend ableiten lassen. 

Aus Sicht der Fachleute geht es darum, eine gemeindenahe und ambulante Versorgung durch (mobile) multiprofessionelle gemeindepsychiatrische Teams in das Zentrum der Versorgung zu stellen. Nicht mehr bestehende Versorgungsstrukturen, sondern die Bedürfnisse der Betroffenen bestimmen dabei die Perspektive. 

Für die gemeindenahe psychiatrische Versorgung haben Wienberg und Steinhart die funktionalen Standards entwickelt und dies auch publiziert. Dabei sollen die multiprofessionelle und mobilen Teams unter anderem folgende Funktionen abdecken: komplexe ambulante Behandlung, komplexe Behandlung im Lebensumfeld, nachgehende Intensivbehandlung, Krisenintervention und Erreichbarkeit rund um die Uhr, krankenhausalternative Angebote wie Rückzugsraum oder Krisenpension und niedrigschwelliger Zugang. 

Optimal, so Steinhart, sei ein regionales Versorgungs-Management zur Umsetzung dieser Standards, dies gebe es derzeit aber in ganz Deutschland nicht. Eine Alternative können Gemeindepsychiatrische oder Psychosoziale Zentren sein, wie sie die Klinik Bosse anbietet, die außerdem ambulante psychiatrische Pflege als aufsuchendes Angebot vorhält, ebenso ambulante Soziotherapie und ambulant betreutes Wohnen. 

„Wenn wir von psychisch kranken Menschen reden, dann reden wir von Unberührbaren, mit denen die Gesellschaft nichts zu tun haben will“, erläuterte Dr. Nikolaus Särchen, Chefarzt der Psychiatrie Klinik Bosse, Alexianer Sachsen-Anhalt GmbH, „und gleichzeitig fordert die Gesellschaft Inklusion für alle, da gibt noch viele dicke Bretter zu bohren, zumal Psychiatrieerfahrene im Gegensatz zu Behinderten keine Lobby haben.“




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