Dr. Alina Schick und der von der Innenwand hängende Weinberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

Dr. Alina Schick und der von der Innenwand hängende Weinberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

24.05.2017

Hängender Weinberg und horizontal wachsende Bäume

Württemberg in Wittenberg: Innovativ und gastfreundlich

Wittenberg (wg). Wer die Repräsentanz der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in den Räumen der Wittenberger Edelstahl Technik Günter Schildhauer von der Kupferstraße aus betritt, hält erst einmal inne: Drei Liguster wachsen die Schwerkraft ignorierend horizontal aus der mit weiteren Pflanzen begrünten Fassade. Alle drei Liguster haben pachtvolle Kugeln als Kronen entwickelt. 

Wer genauer hinschaut, sieht, dass sich die auf Scheiben befestigten Pflanzen langsam drehen. „Wenn sich eine Pflanze unaufhörlich dreht, weiß sie nicht mehr, wo oben oder unten ist“, erklärt Dr. Alina Schick im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag. Die Forscherin hat Gravitationsbiologie studiert und sich dabei intensiv mit dem Einfluss der Schwerkraft auf Pflanzen beschäftigt. 

„Bereits vor 150 Jahren stellte der Biologie Julius Sachs eine Pflanze auf ein Uhrwerk und ließ sie um die eigene Achse drehen“, berichtet Schick. Dadurch gerieten die Statolithen, kleine Stärkekörner in den Pflanzenzellen, die für die Wachstumsrichtung verantwortlich sind, aus der Bahn. Dieses sogenannte Klinostat (rotierende Achse) hat Schick weiter entwickelt mit integrierter Sensorik und automatischer Bewässerung, die sie von Stuttgart aus steuern kann. Die waagerecht wachsenden Pflanzen sind nicht nur ein Hingucker, der dem Trend zur grünen Architektur entspricht, sondern haben auch einen praktischen Nutzen, indem Pflanzen neue Räume erobern können ohne Licht- und Raumkonkurrenz. In großen Städten in Deutschland ist die Belastung durch Feinstaub, Stickoxide und Ozon grenzwertig, wie eine Studie des Umweltbundesamtes erst wieder im Februar 2017 gezeigt hat. In den Metropolen Asiens, Südamerikas und den USA ist die Situation noch dramatischer, was jedoch fehlt, ist ausreichender Platz für Pflanzen, die Klima, Luftfeuchtigkeit und Feinstaubwerte positiv beeinflussen könnten.

„Das Bedürfnis nach Grün ist in vielen dicht besiedelten Städten größer als der vorhandene Platz“, so Schick. An Häuserwänden ist jedoch ausreichend Platz und waagerecht wachsende Pflanzen erhöhen die Biomasse. Waagerecht wachsende Pflanzen können auch Innenwände verschönern und das Mikroklima positiv beeinflussen, ein Autobauer hat sich eine begrünte Wand in seiner Montagehalle einrichten lassen.

Begibt sich der Besucher in die große Württemberger Halle, stößt er auf den nächsten Hingucker, für den die Biologin und Agrarwissenschaftlerin verantwortlich zeichnet – ein von der Innenwand hängender Weinberg. In 80 halbierten Weinflaschen befinden sich neben der Erde ein bis zwei Pflanzen, dabei handelt es sich um eine von der Weinbauschule Weinsberg entwickelte Sorte aus Riesling und Sauvignon Blanc, eingekreuzt sind amerikanische und asiatische Wildrebe wegen der höheren Resistenz. „Das Aroma dieses Weines soll sehr fruchtig sein“, sagt Schick. 

Auch diese Pflanzen werden automatisch bewässert und mit Nährstoffen versorgt, zusätzlich gibt es künstliches Pflanzenlicht wie im Gewächshaus. Vor dem hängenden Weinberg, in dem wirkungsvoll LED integriert ist, befindet sich die Bühne für Veranstaltungen. Beide Projekte hat Alina Schick im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg entwickelt. „Württemberg ist das Land der Dichter und Denker, der Erfinder und Tüftler, wir sind Kirche in einem Hightechland“, sagt Helmut Dopffel, Kirchenrat im Ruhestand und in Wittenberg für das württembergische Programm zuständig. 

Die Landeskirche fühle sich der Tradition ebenso verpflichtet wie der Innovation, und genau dies spiegele sich auch in der Geschichte des Gebäudes mit seiner alten Schmiede wider, wo 1983 die Vorbereitungen für die Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“ auf dem Lutherhof zum damaligen Kirchentag getroffen wurden. Der Film, den damals der Journalist Peter Wensierski mit seinem Team drehte und der später in der ARD ausgestrahlt wurde und dadurch erst der Aktion der Friedensbewegung in der DDR zu ihrer Popularität verhalf, wird in der Halle unter anderem für Konfirmandengruppen gezeigt. 

Vor eineinhalb Jahren entstand der Kontakt zu Günter Schildhauer. „Wir wollten etwas, was nicht sofort an Kirche erinnert“, erklärt Dopffel. „Diese Halle hat Flair und gleichzeitig befinden wir uns in der Nähe der Wallanlagen mit der Weltausstellung Reformation.“ In der Württemberger Halle mit rund 300 Quadratmetern und dem Außenbereich wollen die Akteure vom Evangelischen Medienhaus Stuttgart, das den württembergischen Auftritt organisiert, die Menschen mit der vom Stuttgarter Kirchentag bekannten Gastfreundschaft empfangen. 

Ausstellungen 

Drei Ausstellungen wird es geben, den Auftakt macht „Die Lutherbibel 2017 – Making of“, die das „bibliorama – das bibelmuseum stuttgart“ im Auftrag der Deutschen Bibelgesellschaft 2016 konzipiert hat. Gezeigt wird die Entstehung der Lutherbibel vom Prozess der Revision über den Gestaltungswettbewerb für die Innentypografie und Einbandgestaltung bis zur Buchherstellung. „Wir werden jeden Monat ein Thema besetzen, im Juni ist es die Diakonie, im Juli die Bildung und im August die Weltmission“, kündigt Dopffel an, zu allen Themen werde es Ausstellungen mit Führungen geben.  

Hinweis: 

Württemberg in Wittenberg - die Repräsentanz der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Fleischerstraße 9, hat bis zum 10. September täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Dienstag ist Ruhetag. 

Im Juni wird eine Publikation vorgestellt zu ethischen Problemen in der Reproduktionsmedizin, außerdem ist am 6. und 7. Juli eine Veranstaltung Evangelischer Hochschulen zum Thema „Befähigung zum interreligiösen und interkulturellen Dialog“ geplant.




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