„Multiscape 10“ von Pim Palsgraaf von 2007/08: Aus dem präparierten Elefantenfuß wuchert krebsartig ein technisches Gebilde, dem bereits der Verfall innewohnt. Foto: Wolfgang Gorsboth

„Multiscape 10“ von Pim Palsgraaf von 2007/08: Aus dem präparierten Elefantenfuß wuchert krebsartig ein technisches Gebilde, dem bereits der Verfall innewohnt. Foto: Wolfgang Gorsboth

21.05.2017

Kunst vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart

„Apocalypse now“ in der Cranach-Stiftung

Wittenberg (wg). Die neue Sonderausstellung der Cranach-Stiftung bezieht sich mit ihrem Titel „Apocalypse now“ auf die im 16. Jahrhundert weit verbreiteten Endzeitvorstellungen, die sich vor allem auf die Texte der biblischen Johannes-Offenbarung gründeten. Zu Luthers Übersetzung der Johannes-Offenbarung schuf Lucas Cranach d.Ä. 1522 die Illustration. 

„Cranach orientierte sich an Dürers Holzschnittfolge zur Apokalypse, die wenige Jahre zuvor in 15 Blättern entstanden war und Dürers Ruhm begründete“, erklärt Marlies Schmidt, Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung. Die Stiftung zeigt die Originale, eine Leihgabe des Kupferstichkabinetts Berlin, gleich zu Beginn der Sonderausstellung, die diesmal nicht nur im dafür vorgesehenen Raum, sondern auf der ganzen ersten Etage im Cranach-Haus, Markt 4, zu sehen ist. 

Zu Beginn wird das Martyrium des Heiligen Johannes gezeigt, der mit siedendem Öl übergossen wird. Die Bildfolge der Offenbarung endet mit dem Sieg des Guten und der Aufrichtung eines „neuen Jerusalems“, die ein Engel Johannes zeigt als Ausblick auf eine ideale, paradiesische Gesellschaft „ohne Nacht, Gewalt und Tränen“. Die Monster werden in der Hölle eingeschlossen, die Nichtauserwählten, darunter Päpste, Kaiser und Könige, von Engeln niedergemetzelt, errettet werden die mit einem Kreuz gezeichneten Auserwählten.  

Das berühmteste Blatt ist wohl der Holzschnitt mit den „Vier apokalyptischen Reitern“, die Krieg, Tod, Teuerung und Seuchen über das Land bringen. Die bildgewaltige Untergangs- und Erlösungsvision ist immer wieder ein Thema der Kunst. Diese apokalyptischen Reiter finden sich wieder in einem Schabblatt von Santos Balmori Picazo (1899-1992) von 1938 aus der Sammlung des Wittenberges Gerd Gruber, die Stiftung zeigt den einzigen erhaltenen Originalentwurf: Zwei Reiter haben die Gesichter von Hitler und Mussolini, auf den Hälsen der Pferde prangen Hakenkreuze. „Als Akt des Widerstandes griffen Künstler unter der Nazi-Diktatur auf die religiös vorgeprägten Motive zurück, um Symbole für das unfassbare Grauen zu finden“, erläutert Schmidt. „Auch in den gegenwärtigen Umbrüchen sehen manche Vorboten einer Apokalypse.“

Cranach erweiterte Dürers Holzschnittfolge zur Apokalypse auf 21 Blätter, wobei er einige Szenen wie das Martyrium des Johannes wegließ, denn die Anbetung der Heiligen war nicht mehr Sache der Reformation. „Wir zeigen bereits seit 2015 Cranach-Holzschnitte zur Offenbarung des Johannes, die sich im berühmten September-Testament von 1522 finden“, berichtet Schmidt. Gezeigt wird auch das „Passional Christi und Antichristi“ mit der 13. Antithese: Christus fährt leibhaftig zum Himmel, während der Papst kopfüber in die Hölle stürzt. Der Cranach-Holzschnitt von 1521 findet sich in der 1564/65 im Auftrag von Aurifaber bei dem Eislebener Drucker Urban Gaubisch gedruckten zweibändigen Ausgabe mit Schriften und Predigten Luthers. „Die Cranach-Stiftung hat ein Exemplar des ersten Bandes vor zwei Jahren als Vermächtnis der Apothekerin Elisabeth E. Begrich geschenkt bekommen, jetzt präsentieren wir es zum ersten Mal öffentlich“, sagt Schmidt. Ebenfalls zu sehen als Leihgabe aus der Stiftung August Ohm, Hamburg, ist eines der wohl besten Luther-Porträts, entstanden 1525/26, das direkt Cranach d.Ä. und nicht seiner Werkstatt zugeschrieben wird.

Die Ausstellung zeigt auch Werke des 20. Jahrhunderts, darunter Grafiken, Malerei, Objekte und Texte vom bereits erwähnten Santos Belmori Picazo sowie Franca Bartholomäi, Wolfgang Bauer, Friedrich Dürrematt, Max Klinger und Pim Palsgraaf. Von Matthias Schmeier, Jahrgang 1965, stammt ein aus Acryl, Pappe und Kunststoff gestaltetes Diorama mit Menschen auf der Flucht in Vietnam 1971 als apokalyptische und erschreckend aktuelle Momentaufnahme der Gegenwart. 

Von Wolfgang Bauer, Jahrgang 1970, sind Objekte und dazu gehörende Texte zu sehen, die Objekte hat der Journalist in den Krisen- und Kriegsgebieten in der Welt gesammelt – ein Stück verbranntes Papier als letzter Fetzen eines Buches aus dem Ahmed-Baba-Institut in Timbuktu, das von selbsternannten radikalislamistischen Gotteskriegern vernichtet wurde. Oder ein Stahlstift mit Ring, der zu einer Handgranate gehörte oder ein Stück Holz, das ein Orang-Utan dem Journalisten in Indonesien schenkte, die Menschenaffen werden erst als Haustiere gehalten und als Erwachsene getötet. 

Außerdem werden Arbeiten von Franca Bartholomäi, Jahrgang 1975, gezeigt, unter anderem eine moderne Version des Sternenregens, einer typischen Szene aus der apokalyptischen Offenbarung. Ihre Arbeiten stehen in der Tradition der perfekten Holzschnittskunst des Mittelalters mit ihrem Detailreichtum. Der Niederländer Pim Palsgraaf zeigt ein Werk mit präparierten Tierelementen, die wie Krebsgeschwüre überwuchert werden von technischen Konstrukten: Eine Metapher für die gnadenlose Überwältigung der Natur durch den Menschen. 

Hinweis:

Die Ausstellung „Apocalypse now“ ist bis zum 20. August 2017 im Cranach-Haus, Markt 4, zu sehen, Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr, Sonn- und Feiertage von 13 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. 

Während des Kirchentages gibt es Kurzführungen vom 23. bis 27. Mai, jeweils von 14 bis 14.30 Uhr. Ausstellungsrundgänge, einschließlich der Dauerausstellung „Cranachs Welt“, werden am 29. Juni und 21. Juli, jeweils 14 Uhr, angeboten. Am 22. Mai hält Pfarrer Walter Maria Rehhahn um 19 Uhr im Malsaal der Cranach-Stiftung einen Vortrag zum Thema „Die Apokalypse – Ein Buch mit sieben Siegeln“ – Ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus. Im Anschluss kann die Sonderaustellung besucht werden.




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