Christshane Rodriguez aus Venezuela freut sich auf ihr erstes Osterfest in Wittenberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

Christshane Rodriguez aus Venezuela freut sich auf ihr erstes Osterfest in Wittenberg. Foto: Wolfgang Gorsboth

15.04.2017

Die Karwoche hat in Venezuela einen hohen Stellenwert

Ostern ohne Hase und Eier

Wittenberg (wg). Seit dem 3. August 2016 ist Christshane Rodriguez aus Venezuela in Wittenberg, an diesem Wochenende feiert sie zum ersten Mal das Osterfest in Deutschland mit ihrem Vater Olaf Hesse, ihrer Oma, den beiden Halbbrüdern sowie Nichten und Neffen und ist ob der vielen Schoko-Osterhasen und den bunt gefärbten Eiern erstaunt, denn diese typischen Oster-Accessoires gibt es in Venezuela nicht. 

Der sympathische Osterhase, der seinen Ursprung in Deutschland hat, beschenkt am Ostersonntag die venezolanischen Kinder nicht. Er hat es zwar bis Kanada und die USA geschafft, jedoch nicht bis Südamerika. Nur in dem kleinen Ort Colonia Tovar, der Mitte des 19. Jahrhunderts von Einwanderern aus der Region Kaiserstuhl gegründet worden ist, hoppelt der Osterhase durch die exotischen Gärten und versteckt Ostereier.

„Die Ostertage haben bei uns einen besonderen Stellenwert, von Palmsonntag bis Ostersonntag wird die Semana Santa, die Heilige Woche, gefeiert“, berichtet die 21-Jährige auf Spanisch im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag. Den Auftakt macht der Domingo de Ramos (Palmsonntag), an diesem Tag wird an den Einzug Jesu nach Jerusalem erinnert. Dabei spielen auch Palm- und Olivenzweige eine Rolle. 

Am Mittwoch in der Karwoche, dem Dia de Nazareno, finden überall in Venezuela Prozessionen zu Ehren Jesu von Nazareth statt. „Gläubige tragen ein heiliges Bildnis von Nazareno de San Pablo durch die Straßen“, sagt Christshane, „dabei tragen sie lange lilafarbene Kleidung.“ 

Wie in anderen katholischen Ländern auch wird der Einzug von Jesus in Jerusalem gefeiert, seine Kreuzigung beweint und seine Auferstehung zelebriert, Kinder haben in der Karwoche frei, der Ostermontag ist allerdings normaler Arbeitstag. Auch am Karfreitag finden landesweit Prozessionen statt, die größte und bekannteste ist die Prozession der Kirche San Francisco in Caracas. 

„Am Ostersonntag findet traditionell die symbolische Verbrennung des Judas statt“, erzählt Christshane. Der Verräter Jesu wird als Strohpuppe dargestellt, wobei meist Knallfrösche und Leuchtraketen eingebaut werden, mithin ein sehr weltliches und fröhliches Spektakel. Da Ostereier unbekannt sind, gibt es auch keine Ostereierspiele, dafür ist Drachensteigen sehr populär. 

Fröhlich und ausgelassen geht es auch an den Stränden Venezuelas zu, die Ostersamstag und Ostersonntag voller Menschen sind. „Es gibt immer wieder viele Tote, vor allem infolge von Alkoholgenuss“, sagt die junge Venezolanerin, die aus Ciudad Bolivar stammt, „obwohl zu Ostern Alkoholverbot herrscht, ist auf dem Schwarzmarkt Hochprozentiges in allen Variationen erhältlich.“ 

Wie in Deutschland gibt es auch in Venezuela zu Ostern besondere Speisen, vor allem die Sancocho de Pescado (Fischsuppe) ist sehr beliebt. Von Karneval bis Ostern ist Fastenzeit, Fleisch ist verboten, Fisch erlaubt. Weil das eintönig ist, waren die Venezolaner ähnlich erfinderisch wie die Mönche im Mittelalter hierzulande: So wie der Biber zum „Fisch mit Fell“ deklariert wurde, wurden kurzerhand auch Schildkröten (Morrocoy) und Wasserschweine (Capibara) zu Fischarten erklärt und schon war der Tisch viel variantenreicher gedeckt. Die Bestände der Riesennager wurden inzwischen arg dezimiert, so dass Wasserschweine gezüchtet bzw. aus Kolumbien und Brasilien importiert werden. 

Schildkröten, die Hausfrauen gern zum Auflauf Pastel de Morrocoy verarbeiteten, stehen auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten und dürfen nicht mehr gejagt werden, während Wasserschwein-Filets nach wie vor reißenden Absatz finden. Beliebt ist überdies Milchreis und Milchreis mit Kokosnuss. 

Von alledem werden die meisten Venezolaner in diesem wie schon in den Vorjahren nur träumen können: „Im vergangenen Jahr hatten wir 100 Prozent Inflation, jetzt sind es 700 Prozent. Den Menschen geht es sehr schlecht, aber die Venezolaner nehmen auch das mit Humor und sprechen von der neuen ‚Maduro-Diät’.“ Der Präsident Venezuelas, Nicolás Maduro, hat in diesem Jahr den Staatsbediensteten vor Ostern drei Tage Urlaub verordnet, um Geld zu sparen. „Das Land ist pleite, obwohl es mit die größten Ölreserven der Welt besitzt“, berichtet Christshane. Inzwischen bildeten sich selbst an Tankstellen lange Schlangen, neben der Hyperinflation und Versorgungsengpässen bei Lebensmitteln gäbe es auch einen drastischen Mangel an Medikamenten und eine der höchsten Mordraten in der Welt. Deshalb will die junge Venezolanerin mit deutschem Pass in Wittenberg bleiben, derzeit absolviert sie einen Deutschkurs. Ob ihr in Venezuela absolviertes Abitur anerkannt wird, ist noch offen, beruflich möchte sie etwas mit Kindern machen. 

Ohne den Despoten Maduro, ohne Korruption und ohne die Gewalt, so Christshane, könnte Venezuela eines der schönsten Länder der Welt sein mit tollen Stränden und schneebedeckten Bergen in den Anden, wo wie in Merida auch im Sommer Ski gefahren wird.




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