11.02.2017

Klartext-Kommentar von Wolfgang Marchewka

Gibt es eine Zucker-Verschwörung?

In der vergangenen Woche ist die Redaktion des Wittenberger Sonntag gezwungen worden, sich erneut mit dem Thema „Zucker und seine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen“ zu beschäftigen.

Und das kam so: Ein älterer Herr, Typ Rübenbauer, war leicht säuerlich in die Geschäftsstelle gekommen, um uns mit mehren Seiten „Informationsmaterial“ zu versorgen. Schlagzeile: „Zucker schmeckt richtig!“. Autor: Günter Tissen, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, also einer von den Lobbyisten, die es unter Einsatz gewaltiger Mittel bisher geschafft haben, die zuständigen Politiker von im Sinne der betroffenen Menschen richtigen und notwendigen Entscheidungen abzubringen. 

In seinem Pamphlet bedauert Günter Tissen, dass – so wörtlich - „unser gutes, qualitativ hochwertiges Produkt aus der Natur ungerechtfertigt schlecht geredet wird. Mehr oder weniger bekannte Nicht-Regierungsorganisationen, selbsternannte Experten und sogar medizinische Fachgesellschaften nutzen das für den eigenen, vermeintlich guten Zweck.“ Zitat Ende. 

Mit anderen Worten: Alle, die sich weltweit mit der durch den Einsatz von zu viel Zucker ausgelösten Problemen beruflich beschäftigen, warnen und von der Politik Konsequenzen fordern, haben keine Ahnung, - nur er, der Propagandaminister für dieses in die Diskussion geratene Produkt, ist im Besitz der allein selig machenden Wahrheit.

Starker Tobak. 

Auch unser Besucher in der Geschäftsstelle sah das so, beschimpfte den Wittenberger Amtsarzt Dr. Hable ebenso als „Dummschwätzer“ wie alle anderen Zuckerkritiker bis hin zur Weltgesundheitsorganisation (WHO). 

Das Problem ist nicht der Zucker als solcher, sondern die bedauerliche Tatsache, dass es der Lebensmittelindustrie gelungen ist, auf bisher ganz legalem Wege dafür zu sorgen, dass die Menschen von Kindesbeinen an viel zu viel Zucker konsumieren – mit den inzwischen allseits bekannten negativen Folgen für die Gesundheit. 

Zu diesen Problemen gehört auch, dass Zucker selbst dort als billiger Geschmacksverstärker eingesetzt wird, wo es „König Kunde“ nicht erwartet. 

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Mann hat Lust auf ein oder zwei Steaks. Er liebt den scharfen Geschmack und krönt deshalb sein Grillgut mit einem ordentlichen Schuss Salsa-Soße mit der Geschmacksrichtung „feurig“, und nach guter, alter amerikanischer Art gönnt er sich dazu weiße Bohnen in Tomatensoße, gibt es in jedem Supermarkt fertig in der Dose. Was dieser Genießer nicht ahnt: Schon mit diesem kleinen Menü hat er die von der WHO empfohlene Tageshöchstmenge an Zucker überschritten, denn selbst in der feurigen Salsa-Soße ist Zucker nach Wasser und Tomatenmark wesentlicher Bestandteil, und weil manche Frauen und Jugendliche es nicht ganz so scharf mögen, greifen sie beim Steak-Genuss zum Ketchup – und stecken auch bei diesem Produkt in der Zuckerfalle. 

Nimmt man weitere beliebte Nahrungsmittel hinzu, die Zuckerbombe Nutella zum Frühstück, die Kinderschokolade für zwischendurch, dann wird deutlich, dass es in den Industrieländer kaum ein Mensch schaffen kann, die von der WHO empfohlene Tageshöchstmenge für Zucker einzuhalten. 

Weiteres Problem: Kinder, die sich frühzeitig an den Geschmack der überzuckerten Produkte gewöhnt haben, schätzen den Geschmack von Naturprodukten nicht mehr: Wer seine Spaghetti mit Ketchup würzt, kann mit einer natürlichen Tomatensoße nichts mehr anfangen. 

In diesem Zusammenhang ist es kein Wunder, dass seriöse Wissenschaftler mit drastischen Worten warnen: Zucker kann suchtähnliche Gefühle erzeugen. Spätestens seit 2001 ist bekannt, das amerikanische Wissenschaftler in Tierversuchen mit Ratten suchtähnliche Verhaltensweisen nachgewiesen haben. Pure, White and Deadly“ 

Englische Experten haben im vergangenen Jahr darauf aufmerksam gemacht, dass ein früher Pionier der Zuckerforschung, der Londoner Ernährungswissenschaftler John Yudkin, von einer „Gemeinschaft“ aus Zuckerindustrie und für sie arbeitenden Wissenschaftler so lange als unglaubwürdig abgestempelt wurde, bis niemand mehr auf ihn hörte. Yudkin hatte bereits 1972 in seinem Buch „Pure, White and Deadly“ („Rein, weiß und tödlich“) vor Zucker gewarnt.

Aber auch in Deutschland und Europa haben die Zuckerlobbyisten große Erfolge gefeiert, zum Beispiel als es ihnen gelang, dass die von der großen Mehrheit der Bevölkerung gewünschte „Lebensmittelampel“ im Jahr 2011 von der EU abgelehnt worden ist. Zuvor hatten sich etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung, mehrere Organisationen sowie diverse Kinder- und Jugendärzte für die Ampel ausgesprochen, die mit ihren grün-gelb-rot-Signalen dem Verbraucher auf einen Blick informiert hätte. 

Natürlich: Die Lebensmittelindustrie kann nichtinformierten Menschen viel leichter bedenkliche Produkte aufs Auge drücken.




Video

Dicke Luft und kein Verkehr - Der Zoff geht weiter

mehr Videos

Videos Kultur

Dicke Luft und kein Verkehr - Der Zoff geht weiter
Jukebox im Clack Theater Wittenberg
Ensemble Weltkritik im Clack Theater Wittenberg: Höhenflüge in Bodennähe
Lothar Bölck: Dummerland im Clack Theater Wittenberg
LadyLike im Clack Theater Wittenberg

Videos Politik

Sepp Müller Jamaika und Luther
Der Wittenberger Bundestagsabgeordnete Sepp Müller (CDU), Video 3
Sepp Müller Sondierung
Sepp Müller (CDU) Bundestagsabgeordneter im Wahlkreis 70 Wittenberg/Dessau

Videos Agentur

Der Countdown läuft - Wittenberger Sonntag
Ming Battle - Autohaus Moll, Wittenberg
Wittenberg aus der Luft
Autohaus Moll
Funny Friesland - Einführung


Wittenberger Sonntag Verlags GmbH, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Coswiger Straße 30 A, E-Mail: