14.01.2017

Wie WELT und WamS eine KO-Schlagzeile gegen Grüne erfanden

Sex auf Rezept! Oder doch lieber seriöse Berichte?

„Lasst uns mal wieder ‘ne Sau durchs Dorf jagen!“ So oder ähnlich hätte die erste fiktive Redaktionskonferenz des neuen Jahres im Berliner Axel-Springer-Haus beginnen können. Die anwesenden virtuellen Redakteure und Redakteurinnen der WELT und WELT am Sonntag (WamS) kratzen sich verlegen am Kopf: In der Vergangenheit hatten sie zwar schon mehrere Säue mit Erfolg durchs bundesrepublikanische Dorf gescheucht, aber zurzeit… 

Da leuchten die Augen von Anette Dowideit auf: Die Reporterin im Investigativteam der WELT „hat da noch ‘was auf Halde“ liegen, und mit etwas Fantasie könnte man daraus einen herrlichen Schweinsgalopp er­zeugen, denn das Jahr 2017 bedeutet für viele Menschen nicht nur Reformationsjubiläum, sondern auch Wahljahr – und in solchen Zeiten sollen ja manche Journalistenkollegen in manchen Medien geradezu gierig sein auf möglichst viele Schweineherden, um sie lautstark durchs Land galoppieren zu lassen.

„Also“, blickt Frau Dowideit in die Redaktionsrunde, und die Kollegen schauen sie erwartungsvoll an, „die Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik der Grünen im Bundestag, Elisabeth Scharfenberg, hat mir mal ein paar Sätze gesagt zum Thema ,Sexualität im Alter‘, speziell bei Demenz“. 

Betretenes Schweigen in der Runde.

Dann räuspert sich einer und sagt: „Das interessiert doch kein Schwein!“

Anette Dowideit zaubert sich ein triumphierendes Lächeln ins Gesicht, legt eine Kunstpause ein und betont ganz langsam einen kurzen Satz: „Grüne - fordern - Sex  - auf Rezept!“ 

Verblüfftes Schweigen in der Runde, dann brandet Beifall auf: „Wir haben es!“

So oder ähnlich hätte die Überschrift entstehen können, an der zwar kein einziges Wort war ist, die aber reißerisch genug formuliert wurde, den folgenschweren medialen Schweinsgalopp zu Lasten der Grünen in Deutschland auszulösen. 

Die WamS haute das Ding raus, und einen Tag später wurde die Überschrift „Grüne fordern Sex auf Rezept!“ in fast allen Medien nahezu unverändert übernommen und sogar über die Grenzen Deutschlands hinweg verbreitet. 

Wesentlichen Anteil am „Erfolg“ hat die größte deutsche Nachrichtenagentur, die Deutsche Presse Agentur (dpa), die den Text mit der knalligen Sex-Überschrift an ihre diverse Medien-Kunden aussandte. Auch das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) machte mit. Dieser Zusammenschluss von mehr als 30 Tageszeitungen liefert laut Eigenwerbung „Die besten Seiten des Journalismus“, was in diesem Fall wohl gründlich in die Hose gegangen sein dürfte. 

Wallstreet-online sah sich sogar veranlasst, eine Satire auf die angebliche sexuelle Rezept-Forderung zu formulieren, schlechter hätte das Wahljahr für die Grünen im Bund kaum beginnen können, und so sah sich das einzig positiv aus dem veröffentlichten sexuellen Einheitsbrei herausragende Medium, der Deutschlandfunk, auch zu der mitfühlenden Feststellung veranlasst: „Politisch kann die Schlagzeile: ,Grüne fordern Sex auf Rezept‘ natürlich eine K.O.-Schlagzeile sein.“ Den verantwortlichen Redakteuren dieses Senders war nämlich aufgefallen, dass die knallige Überschrift nicht auch zu den von der WamS veröffentlichten Aussagen der Grünen Bundestagsabgeordneten passt. Elisabeth Scharfenberg hatte nämlich nur zweimal im Konjunktiv gesprochen: „Sie könnte sich vorstellen...“ und „in den Kommunen könnte darüber diskutiert werden...“. 

Grüne forderten Sex auf Rezept? Kein Journalist in ganz Deutschland hatte bei der Grünen Bundestagsabgeordneten vor der Veröffentlichung dieser und ähnlicher Schlagzeilen nachgefragt, ob das sachlich richtig sei.

Vom Pflegeheim ins Eroscenter 

Und so ging das, was die Tageszeitungen auch bereits in ihren Online-Auftritten in die Welt ge­setzt hatten, bei Twitter, Facebook und Co. munter weiter. Die Zeitung mit den vier großen, weißen Buchstaben auf rotem Grund hatte als erste die Hand am Penis und transportierte das sozialpolitische Thema aus den Pflege- und Behindertenheimen griffig und mit rotem Bild in die Freudenhäuser der Nation. Die AfD nutzte die scheinbare Gelegenheit und garnierte den BILD-Müll noch mit brauner Soße. AfD-Vorstandmitglied Paul Hampel: „Kranker geht es kaum noch. Die Grünen stehen mittlerweile für alles, was einer gesunden deutschen Gesellschaft schaden kann.“ Da lässt das aus der Nazizeit bekannte „gesunde Volksempfinden“ freundlich grüßen. 

Auch die Junge Union dokumentierte auf Facebook, wie alt und verbraucht ihre Gedanken bereits sind. Die JU Schleswig-Holstein bastelte eine Grafik mit der Aussage, „Grüne fordern: Sex auf Rezept. Wir sagen: Ihr habt nicht alle Latten am Zaun.“ Die JU Dessau-Rosslau übernahm das Bild und sorgte damit für die Verbreitung in unserer Region.

Keiner fragte nach - nur unsere Redaktion 

Nun hat die Redaktion des Wittenberger Sonntag das nachgeholt, was die Kollegen Journalisten der „großen Medien“ längst hätten tun müssen: Bei der Bundestagsabgeordneten Elisabeth Scharfenberg nachgefragt, wann sie was gesagt hat und was damit gemeint ist. Wenn die Antworten der Grünen sachlich richtig sind, wird aus dem von WELT und WamS angezettelte „Sau durchs Dorf treiben“ nach unserer Meinung ein medienpolitischer Skandal.

Hier unsere Fragen und die Antworten der Bundestagsabgeordneten im Wortlaut: 

Frage Wittenberger Sonntag: Wie kam der Kontakt zur WELT-Redakteurin Anette Dowideit zu­stande? 

Antwort Elisabeth Scharfenberg: Frau Dowideit ist von sich aus auf mich zugekommen und hat um ein Statement zum Thema „Sexualität im Alter, speziell bei Demenz“ gebeten. Dazu hat sie konkrete Fragen formuliert.

Frage Wittenberger Sonntag: Wann ist das Gespräch zwischen Frau Dowideit und Ihnen geführt worden? Antwort Elisabeth Scharfenberg: Ich habe bereits im August 2016 auf Nachfrage der „Welt“ ein kurzes Statement zu diesem Thema gegeben und wurde nun vom Zeitpunkt und der Darstellungsweise der Veröffentlichung überrascht. Zumal für mich andere Bereiche der Pflegepolitik, etwa der Personalmangel in der Pflege, im Vordergrund meiner Arbeit stehen. Der „Welt“ gegenüber habe ich auf die konkreten Fragen meine persönliche Haltung geäußert und auch nicht vorgegeben, es handele sich um eine Forderung bzw. eine beschlossene Position der Fraktion oder Partei. Eine Beschlusslage der Bundestagsfraktion gibt es zu diesem Thema nicht. 

Frage Wittenberger Sonntag: Was haben Sie der WELT-Redakteurin genau geantwortet, waren es nur die zitierten Sätze, oder haben Sie noch mehr zu dem Thema gesagt? 

Antwort Elisabeth Scharfenberg: Sexualassistenz ist für mich nicht gleichbedeutend mit Prostitution. Ich bin von der „Welt“ auch nicht zur Prostitution, sondern zur Sexualassistenz befragt worden und habe auch in meinen Antworten ausschließlich diesen Begriff verwendet. Ich habe in meinem Statement darauf hingewiesen, dass geeignete Sexualassistentinnen und -assistenten sich mit den speziellen Gegebenheiten und Anforderungen auskennen müssen, die etwa bestimmte Behinderungen, chronische Krankheiten, Pflegebedürftigkeit oder Demenz mit sich bringen. Der Wunsch der Betroffenen, eine Sexualassistenz in Anspruch nehmen zu wollen, muss eindeutig von diesen selbst ausgehen. Und ich habe betont, dass ich die Ermöglichung von Privatsphäre in Pflege- und Behinderteneinrichtungen für sehr wichtig halte. In den zum Teil heftigen Reaktionen auf meine Äußerungen wurden häufig meine Überlegungen zu finanziellen Zuschüssen für die Sexualassistenz kritisiert. Ich habe in diesem Zusammenhang die Kommunen genannt. Daraus ist in der medialen Berichterstattung sehr schnell „Sex auf Rezept“ geworden und der Eindruck, die Krankenkassen sollten das be­zahlen. Das habe ich nicht gesagt. Es gibt sicherlich viele weitere Möglichkeiten, Offenheit für das Thema Sexualassistenz zu schaffen. Das sollte auf der Fachebene weiter diskutiert werden.

Das war‘s.

Frage Nummer 1 des Wittenberger Sonntag an die Kollegen von WELT und WELT am Sonntag: Wie können Sie aus diesen Aussagen eine Forderung der gesamten Grünen nach Sex auf Rezept basteln? 

Frage Nummer 2 des Wittenberger Sonntag an die Kollegen von WELT und WELT am Sonntag: Wenn das Thema für Sie so brisant ist, warum sind die Aussagen der Frau Scharfenberg von August 2016 bis Januar 2017 bei Ihnen unveröffentlicht liegen geblieben?

Frage Nummer 3 des Wittenberger Sonntag an die Kollegen von WELT und WELT am Sonntag: Können Sie nachvollziehen, dass bei manchen kritischen Geistern der Eindruck entstanden ist, die Art der Verfälschung in der Überschrift und der Zeitpunkt der Veröffentlichung lassen vermuten, es geht Ihnen nicht um die Sachfrage, sondern um einen „K.O.-Schlag“, wie es der Deutschlandfunk formulierte, im beginnenden Wahlkampf? 

Übrigens:

Die Redaktion des Wittenberger Sonntag hat die Fragen zum Zeitpunkt und Inhalt des Gespräche auch an Anette Dowideit gestellt, geantwortet hat die Reporterin im Investigativteam der WELT (ihre eigene Darstellung) natürlich nicht.




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