22.10.2016

Klartext-Kommentar von Wolfgang Marchewka

Die Stützen der Gesellschaft

Es scheint allmählich wahr zu werden: Deutschland verändert sich schleichend. Allerdings nicht im Sinne von Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) und auch nicht in die Richtung, die uns die völkischen Pegida- und AfD-Anhänger vorgaukeln wollen. Ganz im Gegenteil - leider – und das ist für Freunde der Demokratie ein Grund, traurig zu werden: Nachdem sich Deutschland jahrzehntelang in die richtige Richtung verändert hat, sind seit geraumer Zeit nicht nur die Rechtsaußen im Lande, sondern auch einige Bürgerinnen und Bürger, die sich selbst zu den „Stützen der Gesellschaft“ zählen, dabei, heimlich, still und leise die Rolle rückwärts nach rechts zu üben. 

Das beginnt bereits bei scheinbaren Kleinigkeiten: Immer mehr Menschen verzichten darauf, ihre positive Meinung von unserem Land öffentlich zu äußern, und immer mehr Menschen verzichten darauf, die Feinde der Demokratie in Pegida und AfD zu kritisieren – aus lauter Furcht, sie könnten dadurch Nachteile erleiden. 

Ein kleines, selbst erlebtes Beispiel dafür: Ein Arzt aus dem Landkreis Wittenberg rief jüngst in der Geschäftsstelle des Wittenberger Sonntag an, um der Redaktion zu einem „gelungenen, notwendigen und mutigen Klartext-Kommentar“ zu gratulieren. Auf den Hinweis, er könne gerne seine Meinung per Leserbrief formulieren, reagierte er entsetzt: „Um Gottes Willen nein, denn dann könnte ich Patienten verlieren, die eine andere Meinung haben.“ Ist das gelebte Demokratie im Lande der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt? Müssen die Menschen in unserem Lande bereits wieder davor Angst haben, eine positive Meinung öffentlich zu vertreten? 

Schlimmer noch: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger aus „besseren Kreisen“ überlegen im vertraulichen Gespräch unter Freunden bereits, ob sie bei der nächsten Bundestagswahl auch AfD wählen werden, falls „die Merkel“ noch einmal antreten sollte. Das könnte man unter „Meinungsfreiheit“ buchen, wenn da nicht ihre Begründung wäre: „Die Merkel“ ist schuld am massenhaften Zustrom der Flüchtlinge – denn diese Behauptung ist sachlich falsch! 

Regelmäßige Leserinnen und Leser des Wittenberger Sonntag werden sich noch daran erinnern, dass wir in einem Klartext-Kommentar nach Beginn der Hetzkampagne gegen die Bundeskanzlerin bereits darauf hingewiesen haben, Angela Merkel hat die Flüchtlinge keineswegs nach Deutschland gerufen, sondern sie hat in einem Akt der Menschlichkeit und um eine bereits drohende humane Katastrophe zu verhindern, die in Österreich/Ungarn gestrandeten Flüchtlinge ins Land gelassen. 

Also: Tausende Flüchtlinge waren schon an der Grenze angekommen, weitere tausend bereits unterwegs auf den Weg nach Europa. Daraus folgt: Wer da ist und wer sein ursprüngliches Heimatland bereits wegen Krieg und Terror in Richtung Europa verlassen hat, kann nicht von Merkel herbeigerufen worden sein.

Und das ist nicht nur „eine Meinung“ der Redaktion des Wittenberger Sonntag, sondern eine Tatsache, die inzwischen auch mit Zahlen belegt werden kann. Unter der Überschrift „Merkel war es wirklich nicht“ schreibt die renommierte Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrer Online-Ausgabe vom 11. Oktober 2016: „Die Kanzlerin habe im vergangenen Jahr Hunderttausende Menschen zur Flucht motiviert, sagen Kritiker. Alle von uns ermittelten Daten sprechen dagegen.“

Hintergrund: Der Nürnberger Migrationsforscher Herbert Brücker hat Daten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ausgewertet, die erstmals zeigen, wie sich die Flüchtlingszahlen Woche für Woche entwickelt haben. Sein Ergebnis: Die Dynamik der Flüchtlingswanderung begann schon weit früher, nämlich im Frühjahr 2015. Der 5. September - der Tag der vorübergehenden Grenzöffnung - hat daran zumindest in Deutschland nichts geändert.  

Aber mit Logik haben es manche Menschen nicht so, und unter denen, die objektiv vorhandene Tatsachen negieren, sind leider inzwischen auch besagte „Stützen der Gesellschaft“. Woran kann das liegen? 

Zweifellos geht es Deutschland wirtschaftlich viel besser als fast allen anderen Ländern der EU. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, in einigen Branchen können die Unternehmen ihren Bedarf an geeigneten Arbeitskräften schon lange nicht mehr decken, ebenso geht es manchen Unternehmen, die ausbilden wollen, aber mangels Bewerbern nicht können. Ganz anders ist die Lage in den südlichen Ländern der EU - also dort, wo die meisten Flüchtlinge zuerst ankommen: Die hohe Arbeitslosigkeit und besonders die erschreckend hohe Jugendarbeitslosigkeit eröffnen Flüchtlingen kaum sinnvolle Perspektiven. Also ist Deutschland ein Wunschziel.

Zudem hat sich unser Land in den vergangenen Jahrzehnten vor allem im westlichen Teil der Republik - siehe gezielte Anwerbung von so genannten Gastarbeiten - (übrigens mehrheitlich türkische Muslime) - bereits zu Adenauers Zeiten den Ruf erarbeitet, Zuwanderern gegenüber freundlich eingestellt zu sein. Außerdem hatte sich schon lange der Umstand auch auf dem Balkan herumgesprochen, dass in Deutschland selbst abgelehnte Asylbewerber relativ selten abgeschoben worden sind. Und der Vollzug der Abschiebung fällt in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesländer, also kann „die Merkel“ auch an der in der Vergangenheit seltenen praktizierten Abschiebung nicht schuld sein. 

Also woran liegt es, dass in den vergangenen beiden Jahren die Zahl der „Wutbürger“ auf Dresdens Straßen und der Erfolg der AfD auch bei manchen „Stützen der Gesellschaft“ immer größer geworden ist? In diesem Zusammenhang erinnern wir an die Aussagen des Chefarztes und Direktors der Klinik für psychische Erkrankungen im Hause der Klinik Bosse, Dr. Nikolaus Särchen: 1. Menschen, die hassen, sind für sachliche Argumente nicht mehr zugänglich 2. mit dem Hass ist der Egoismus fest verbunden. 

Und damit treffen wir des Pudels Kern: Egoismus hat sich breit gemacht in unserem schönen Land, frei nach dem Motto: Hauptsache, Deutschland geht es gut, die anderen können verrecken, wo sie wollen - nur nicht bei uns.

Deutschland verändert sich - derzeit leider hin zum Negativen.




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