03.09.2016

Klartext-Kommentar von Wolfgang Marchewka

Unsere zuckersüßen Kinder

Sind sie nicht niedlich, unsere lieben Kleinen? Zuckersüß und wohlgenährt sehen sie aus, so richtige Wonneproppen.

Wohlgenährt? Falsch. Mindestens jedes fünfte Kind ist viel zu dick, Tendenz steigend. Ursache im Regelfall: falsche Ernährung, viel zu viel Zucker bereits im Kleinkindalter, zu viel Fastfood kommt später hinzu.

Längst hat sich das einst herzlich gemeinte „zuckersüß“ in sein Gegenteil verkehrt: Zu viel Zucker bedroht wie ein süßes Gift inzwischen die Gesundheit von Millionen Menschen. Das gemeine daran: Selbst aufgeklärte Verbraucherinnen und Verbraucher, von denen es inzwischen leider viel zu wenige gibt, wissen häufig nicht, wie viel Zucker das gekaufte Produkt enthält. Die Lebensmittelindustrie tut viel dafür, damit dieses Problem den Kunden beim Kauf in den Supermärkten nicht allzu sehr auffällt: Der knallbunten, mitunter sogar irreführenden Werbung auf manchen Verpackungen steht wegen der Verwendung kleinstmöglicher Schriften eine nur schwer zu lesende Deklaration der Inhaltsstoffe des gekauften Produkts gegenüber.

Der jüngste Test der Verbraucherschutzorganisation „foodwatch“ brachte erschreckende Ergebnisse: Etwa 60 Prozent der sogenannten „Erfrischungsgetränke“ sind überzuckert, besonders negativ fallen die meisten der bei Kinder und Jugendlichen so beliebten Energy Drinks auf. Der schlimmste Spitzenreiter kommt nach den foodwatch-Erkenntnissen aus dem Hause PepsiCo und heißt „Rockstar Punched Energy + Guava“: Die 500ml-Dose enthält 78 Gramm Zucker. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, nicht mehr als 25 Gramm Zucker pro Tag aufzunehmen.

Das ist mit den modernen Fertigprodukten nicht zu schaffen: In der Realität liege die Zuckeraufnahme durch Lebensmittel in Deutschland bereits bei 90 Gramm pro Tag, sagte Andreas Pfeiffer, Ernährungswissenschaftler am Berliner Uniklinikum Charité. Die Folge: Immer mehr Menschen werden durch falsche Ernährung krank, zu viel Zucker wird ergänzt durch zu viel Salz und zu viel falsches Fett in vielen Speisen.

Nicht nur „foodwatch“, sondern auch andere Organisationen wie die Deutsche Diabetes Hilfe warnen vor den überzuckerten Getränken und den Folgen: Die meisten dicken Kinder bleiben ihr Leben lang dick und tragen das Risiko, frühzeitig schwer zu erkranken. Diabetes ist selbst im Kindergartenalter festzustellen, und das Risiko steigt mit der Einschulung noch einmal an. Inzwischen leiden etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland an Diabetes, ohne es zu wissen, schätzt die Deutsche Diabetes Hilfe.

„foodwatch“ fordert konkrete Maßnahmen gegen die Überzuckerung der Menschen – und stößt dabei natürlich auf den Widerstand der üblichen Verdächtigen. Eine Steuer auf Zucker – wie in manchen Ländern bereits üblich – lehnt der Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ), Günter Tissen, als „Dämonisierung einer einzelnen Zutat“ strikt ab und ergänzt: „Eine Strafsteuer auf Zucker macht niemanden schlank.“ So einfach kann man es sich machen.

Aber auch die Politik spielt in diesem Zuckerkarussell wieder einmal keine gute Rolle: „foodwatch“ wirft Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) sogar „Täuschung der Öffentlichkeit“ vor. Hintergrund: Die Bundesregierung setzt seit vielen Jahren auf „Ernährungsbildung“ der Verbraucher, ohne jedoch ein spürbares Ergebnis zu erzielen.

Besser sei es, so foodwatch, die Lebensmittelindustrie dazu zu bewegen, in ihren Produkten weniger Zucker einzusetzen – und dazu könne eine Zuckersteuer der richtige Weg sein. So sehen es auch einige fachkundige Politiker wie der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Edgar Franke (SPD), und der CDU-Gesundheitspolitiker Dietrich Monstadt.

Fazit von „foodwatch“: Mit gutem Grund formuliere die WHO in ihrem aktuellen Maßnahmenplan drei Kernforderungen: Steuern oder Abgaben auf Zuckergetränke, Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung, verbraucherfreundliche Kennzeichnung der Nährwerte.

Bleibt die Frage, wann der Bundesgesundheitsminister aufhört, wie ein Lobbyist der zuckerverarbeitenden Industrie zu wirken und statt dessen damit beginnt, wirklich für eine bessere Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zu arbeiten.




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