Klartexter Wolfgang Marchewka

Klartexter Wolfgang Marchewka

21.08.2016

Klartext-Kommentar von Wolfgang Marchewka

Deutschland hat Probleme!

Das muss man sich einmal vorstellen: Da steht einer auf der obersten Stufe des Treppchens, die Nationalhymne ertönt – und der Kerl hampelt grinsend herum! Das geht ja nun gar nicht! Kein Wunder, dass bereits während der letzten Klänge des Deutschlandliedes ein im wahrsten Sinne des Wortes „Shitstorm“ in Twitter, Facebook & Co. über den frisch gebackenen Olympiasieger Christoph Harting hereinbrach: Sockenschuss, Hampelmann, Armleuchter, arroganter, selbstverliebter Selbstdarsteller waren die beliebtesten Ausdrücke. Kein Wunder: Ein Repräsentant des modernen Deutschlands, der in Rio bei der Nationalhymne schunkelt, ist fast noch schlimmer, als eine Burka-Trägerin in München, schließlich schunkeln gute Deutsche höchstens, wenn Karneval befohlen wird.

Deutschland hat Probleme! 

Arroganter Selbstdarsteller? Merkwürdig, ich habe Christoph ganz anders erlebt! Erste Szene nach seinem sensationellen Wurf zum Sieg: Harting verbeugte sich in den vier Himmelsrichtungen ganz tief vor dem Publikum, das ihn bejubelte. Sockenschuss? Arrogant? 

Zweite Szene nach dem Wurf zum Gold: Harting nahm den in letzter Minute unterlegenen und vor sich hin weinenden großen Favoriten, den Polen Piotr Malachowski, in den Arm und schlenderte mit ihm gemeinsam Richtung Publikum. Sockenschuss? Arrogant? 

Und dann kam die erste Szene, die das spätere Rauschen in Teilen des gedruckten Blätterwaldes in Gang setzte: Der Olympiasieger verweigerte einem Medienvertreter in der Mixed-Zone den Handschlag und gab wenig später auf der Pressekonferenz zu, dass er kein „Medienhengst“ sei. Und das geht ja nun erst Recht nicht, denn ein Sportler hat nach seinem Sieg gefälligst als Medienclown zur Verfügung zu stehen, und seien die ihm gestellten Fragen noch so dumm.

Ein Blatt namens „Die Welt“ bezeichnete den Sportler selbst nach seinem Olympiasieg noch als „Harting-Bruder“, was keine neue Wortschöpfung ist: Der Diskuswerfer wurde von manchen Medien jahrelang nicht als Person wahrgenommen, sondern nur als kleiner Bruder des großen Robert bezeichnet, wobei „kleiner Bruder“ für einen 2,07 Meter langen Mann eine mehr als merkwürdige Bezeichnung ist. 

So kam es denn, dass Teile der Journaille das nicht den öffentlichen Erwartungen entsprechende Verhalten des Olympiasiegers während des Abspielens der deutschen Hymne dazu nutzten, das Feuer auf den Medienverweigerer zu eröffnen. 

Wer vor dem Schreiben ein bisschen nachdenken würde, könnte auch auf die Idee kommen, dass der von Christoph Harting selbst nicht erwartete Olympiasieg den Mann in diesem Moment so aus der Fassung gebracht hat, dass er seine Verlegenheit unbewusst überspielen musste. So etwas kommt häufiger vor und hat viel mit der Psyche eines Menschen zu tun – der Psychologe nennt dieses Verhalten „Übersprunghandlung“.

Am Abend hat sich Christoph Harting für sein Verhalten auf dem Treppchen öffentlich entschuldigt. Das zeugt von Größe, nicht von Arroganz und Überheblichkeit.

Aber das interessiert die meist anonym twitternden Couchpotatoes nicht, und den leider oft nur einseitig gebildeten Medienvertretern ist das ebenfalls schnuppe. 

So darf man schon heute darauf gespannt sein, welche arme Sau demnächst durch das Dorf namens Deutschland getrieben wird.




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