Ein besonderer Konzertabend im Clack Theater mit Purple Schulz. Fotos: Wolfgang Marchewka

Ein besonderer Konzertabend im Clack Theater mit Purple Schulz. Fotos: Wolfgang Marchewka

27.02.2016

Das besondere Konzert mit Purple Schulz im Clack

Sehnsucht bleibt

Wittenberg (wm). Es war ein geiles Konzert – aber auch mehr als das: eine Botschaft an das Publikum. Das verkündete Purple Schulz gleich zu Beginn seines nach 2015 zweiten Gastspiels im Clack Theater. Getreu des seit 33 Jahren unverändert gepflegten Mottos, Unterhaltung hat auch etwas mit Haltung zu tun, stellte der Kölsche Jung klar: „Es gibt heute keine 80er-Jahre-Party, sondern eine Zeitreise.“

Zu diesem Zeitpunkt wusste das Publikum noch nicht, was der Musiker mit dieser Aussage meinte, doch das wurde schnell deutlich: Manche Texte seiner Lieder, die Purple Schulz bereits vor vielen Jahren vor dem Hintergrund konkreter Ereignisse schrieb, sind heute wieder aktuell – mitunter sogar erschreckend aktuell.

Da ist zum Beispiel das Lied „Zeit“, entstanden 1985 nach dem widerlichen Terror-Anschlag in Paris. Und heute? Heute gibt es mehr Terror denn je – und nicht nur in Paris. Zitat aus dem „alten“ Song:

Die ganze Welt besteht aus Töten

Doch wir, wir töten nur die Zeit

Wir schlagen alle Uhren tot

und freuen uns auf die Ewigkeit. 

Und weiter heißt es in dem Lied:

Um mich herum stürzt alles ein

Ich räum die Trümmer weg

Hab mich an viel zu viel gewöhnt

doch die Empörung ist Reflex

Wer denkt schon an die „Dritte Welt“

wenn er die Erste hat

1992 tobte der Nazi-Mob in Rostock-Lichtenhagen, schleuderte weiter Steine und Molotow-Cocktails auf ein bereits brennendes Haus, in dem seit vielen Jahren Vietnamesen wohnten, im Faschisten-Deutsch ehemaliger DDR-Bürger „Fidschis“ genannt. Erschreckend nicht nur die kriminellen Aktionen hunderter dummdeutscher Dumpfbacken, sondern auch die sichtbare Freude der Beifall klatschenden so genannten braven oder auch „besorgten“ Bürger. Und im selben Jahr gab es im westdeutschen Hünxe einen Brandanschlag auf drei libanesische Kinder. Diese Ereignisse verarbeitete Purple Schulz damals in dem Lied „Weitergehen“. Im Clack Theater stellte er diesen Titel vor dem Hintergrund der fremdenfeindlichen Anschläge in Sachsen und anderswo mit den Worten vor: „Ich hatte gehofft, diesen alten Song nie wieder ausgraben zu müssen. Leider ist er jetzt wieder aktuell!“ 

Aber Purple Schulz hatte für alle, die genau hinhören konnten, auch eine im wahrsten Sinne des Wortes brandneue Nummer mitgebracht. Dafür schlüpfte er in ein buntes Kostüm, setzte eine schwarze Perücke auf und klebte sich ’nen Schnurrbart unter die Nase. Fertig war der Migrant. Und dann glaubten manche Gäste im Clack Theater, ihren Ohren nicht mehr trauen zu können: Entgegen sonstiger Gewohnheiten sang „Migrant“ Schulz im übelsten Stil deutscher Schlager – auch noch selbst komponiert: „Wir schaffen das!“ Doch das war ein Hoppsassa mit Hintersinn, Zitat:

Ich komme aus der Fremde doch ich will mich integrier’n

weil Goethe und das Grundgesetz mich wirklich intressier’n

Ich wünschte, alle Deutschen täten es mir gleich

doch mancher, der sich Christ nennt

träumt schon vom dritten Reich

Und was „Migrant“ Purple Schulz wirklich von der von ihm vorgetragenen Schlagermusik hält, erfährt der staunende Zuhörer ebenfalls, Zitat:

Ich lerne eure Sprache und ich singe dieses Lied,

doch gehört zu eurer Leitkultur wirklich diese Art Musik?

Denn Schlager macht mir Schmerzen, dieser Rhythmus liegt mir fern

Doch komm ich so in eure Herzen, singe ich gern:

Wir werden das schaffen! Das hat schon Mutti gesagt.

Wir werden das schaffen! Auch wenn der Zweifel euch plagt.

Und ihr wisst, das wird passieren, wenn wir uns ALLE integrier'n

Wir werden das schaffen, das hat schon Mutti gesagt.

Natürlich kam Purple Schulz nicht von der Bühne, ohne seinen im Radio fast schon tot gespielten Hit „Kleine Seen“ vorzutragen, der Künstler selbstironisch dazu: „Endlich mal wieder ein Lied zwischendurch“, und als „Verliebte Jungs“ folgte, nutzen einige Damen den spärlichen freien Platz im zweimal ausverkauften Clack zum Tanzen.

Sehnsucht bleibt

Der Song „Sehnsucht“ ist der älteste Song aus der Feder von Purple Schulz: entstanden 1983. Und er bleibt. Noch immer, oder schon wieder, Zitat:

Warum hast du mich geboren?

Bevor ich da war, war ich schon verloren

Land der Henker – Niemandsland

Das Paradies ist abgebrannt 

Ich hab Heimweh, Fernweh, Sehnsucht …

Ich weiß nicht, was es ist

Ich will nur weg, ganz weit weg

Ich will fort, ganz weit fort

Ich will raus!!!!

Die letzte Zeile wird geschrien, dieser Schrei erhielt im Laufe der Jahre immer wieder eine neue Bedeutung – zum Beispiel für freiheitsliebende Bürgerinnen und Bürger in der untergehenden DDR. Und nun leben wir leider in einer Zeit, in der so ein Schrei aus dem Haus einer von Nazis angegriffenen Flüchtlingsunterkunft kommen könnte …

 „Sehnsucht bleibt“ ist auch der Titel des neuen Buches von Purple Schulz, das er ebenfalls im Clack Theater präsentierte. Enthalten sind überraschend persönliche, geradezu intime Erzählungen über sein Leben und die Hintergründe seiner Lieder. Also keine der üblichen Promi-Biographien, sondern ein Werk, das auch den Geist des Lesers anspricht.

Feldzug des Schlagers

Nach dem Konzert offenbarte Purple Schulz im Gespräch mit der Redaktion des Wittenberger Sonntag einiges aus seiner aktuellen Gefühlswelt. Zum Beispiel über den neuen Integrationsschlager „Wir schaffen das“. Frage: Warum Schlagermusik? Antwort: „Meine Frau hatte diese Idee, denn wir erleben hier gerade einen regelrechten Feldzug des Schlagers. Feldzüge hinterlassen ja ein Schlachtfeld, und so sieht unsere Kulturlandschaft derzeit auch aus. Diese Musikform einmal mit Inhalt zu füllen, war uns eine Herausforderung. Für mich aber auch eine Doppelbelastung, weil ich diese Musik überhaupt nicht ertrage. Aber ironisch mit ihr umzugehen war dann wieder ein großer Spaß.“

Nicht länger schweigen

Und über die am Konzerttag aktuellen Ereignisse von Clausnitz: „Es war für mich am Samstagabend alles andere als leicht, mit diesen Bildern im Kopf auf die Bühne zu gehen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass das Thema Flüchtlinge und Terror ja mehrfach in meinem Programm vorkommt. Aber dann war es andererseits auch ein besonderer Ansporn und eine Bestätigung, dass das richtig und wichtig ist in dieser Zeit. Wir Künstler dürfen zu so etwas nicht länger schweigen. In den 80ern gab es innerhalb der damals angesagten Musikerriege ein wesentlich größeres politisches Bewusstsein als wir das leider heute erleben.“ 

Positive Aussagen für alle Freunde der Unterhaltung mit Haltung: Im Sommer wird Purple Schulz mit der Produktion einer neuen CD beginnen, die Ende des Jahres fertig sein soll. Es gibt neue, aktuelle Songs: „Themen haben wir ja in dieser Zeit genug“, so der Künstler. Und: Mit dem Clack ist er inzwischen freundschaftlich verbunden. In diesen Tagen arbeitet er an einem Tourenplan für das kommende Jahr. Wittenberg soll wieder enthalten sein.





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