Museumsdirektorin Dr. Christel Panzig (links) in einem Weihnachtszimmer der 1950er Jahre. Foto: Wolfgang Marchewka

Museumsdirektorin Dr. Christel Panzig (links) in einem Weihnachtszimmer der 1950er Jahre.
Foto: Wolfgang Marchewka

23.12.2015

Geschmückte Wohnmilieus im Haus der Geschichte

Zu Weihnachten Erinnerungen aufleben lassen

Wittenberg (wg). Die Wohnmilieus im Haus der Geschichte sind passend zur Weihnachtszeit dekorativ umgestaltet worden und erinnern auch an eine Zeit, in der das Weihnachtsfest von Sorgen und Nöten, aber auch von Hoffnungen und Zuversicht erfüllt war. „Gerade in der Nachkriegszeit hielten sich die Möglichkeiten zum Schenken in Grenzen“, berichtet Dr. Christel Panzig, Direktorin des Hauses der Geschichte. Aber die Vorfreude auf Geschenke und die damit verbundene Geheimniskrämerei seien zu allen Zeiten etwas Besonderes für Kinder gewesen.

Der Gabentisch in den 1950er Jahren fiel spärlich aus. Die Krippe zum Aufstellen war aus Pappmaché. Die ersten Metallbaukästen kamen auf den Markt und Holzspielzeug hatte noch eine wichtige Rolle. Und es wurde praktisch geschenkt: Auf dem Gabentisch lagen ein gestrickter Schal, Mütze und Handschuhe, Unterwäsche und andere Anziehsachen. Beliebte Präsente waren auch Buntstifte und Knetmasse. In den Familien wurde auch wieder Stolle gebacken. Was es an Zutaten nicht zu kaufen gab, musste im Schwarzhandel getauscht werden. Weihnachtsschmuck wurde aus Buntpapier gefertigt, für den Baum Walnüsse vergoldet und selbstgebackene Plätzchen mit Farbe bemalt.

Steigende Löhne, steigender Konsum 

In der guten Stube der 1970er Jahre sieht der Besucher keine Tanne oder Fichte, sondern eine Kiefer. In den überheizten Neubauwohnungen war die Luft so trocken, dass die Bäume binnen dreier Tage zu nadeln anfingen - mit Ausnahme der Kiefer, die trockene Luft besser vertragen konnte. Als Baumschmuck waren bunte Kugeln in knalligen Signalfarben gefragt. Die Gabentische fielen üppiger aus als in den Vorjahren. „Die Löhne der Arbeiter wurden damals stark angehoben und auch die sogenannte Feierabendarbeit wurde legalisiert“, erklärt Panzig. Mit den steigenden Einkommen stieg auch der Konsum.

Unter dem Gabentisch lagen Stabilbaukästen, ferngesteuerte Autos, technisches und elektronisches Spielzeug und Plastikpuppen, die sich erstmals an den Barbie-Modellen aus dem Westen orientierten: Die Puppen wurden erotischer. Beliebte Dekore jener Zeit waren gestickte und bedruckte Weihnachtsdecken, Schwibbögen und Weihnachtssterne. Begehrte Süßigkeit waren vor allem Weinbrandbohnen ohne Kruste.

Gabentisch im Weltkrieg 

Alles andere als üppig ausgestattet war der Gabentisch im Zweiten Weltkrieg. „Weihnachtsbäume waren streng kontingentiert und wurden nur an Familien mit kleinen Kindern abgegeben“, sagt Panzig. In Wittenberg wurden die Bäume auf dem bewachten Arsenalplatz aufbewahrt und nur gegen Bezugsschein ausgegeben.

Aber auch nach dem Krieg war es nicht so einfach, einen Baum festlich zu schmücken. So zierten oftmals Kringelketten aus Buntpapier sowie gebastelte Stroh- und Papiersterne den Baum. Kerzen gab es kaum, denn sie wurden während der häufigen Stromsperren dringend gebraucht. Das wenige Lametta, das nach 1945 noch vorhanden war, wurde vorsichtig am Baum aufgehängt und nach dem Fest sorgfältig wieder abgenommen.

Erinnerungen an Weihnachten 

Der Verein Pflug e.V., der das Haus der Geschichte betreibt, hat im Rahmen seiner alltagsgeschichtlichen Forschungen Erinnerungen an Weihnachten gesammelt und dokumentiert. So berichten Günther Lehmann und Gustav Richter aus Straach, wie sie das Weihnachtsfest in den 1930er und 1940er Jahren erlebten. Den Eltern blieb durch die Arbeit in der Töpferei und der WASAG sowie in der eigenen kleinen Landwirtschaft wenig Zeit, das Fest vorzubereiten, deshalb übernahmen die Kinder das Schmücken des Weihnachtsbaumes.

 Am Heiligen Abend versammelten sich die Eltern mit den Kindern und den Großeltern in der guten Stube unterm Christbaum. Sie hörten Weihnachtslieder aus dem Radio, das damals etwas ganz Besonderes war. Die Kinder durften länger aufbleiben und erst wenn sie schlafen gingen, kam der Weihnachtsmann: Die Geschenke lagen am ersten Feiertag morgens unterm Weihnachtsbaum.

„Auch in Zeiten größter Armut haben die Eltern immer versucht, es ihren Kindern zu Weihnachten so schön wie möglich zu machen“, berichtet Christel Panzig. Besonders groß war das Elend in den Flüchtlingsfamilien. Sie bastelten Weihnachtsspielzeug, welches dann auf den Dörfern gegen Lebensmittel getauscht wurde. Auch wenn es für die eigenen Kinder keine Geschenke gab, so gab es wenigstens etwas zu essen. Es musste viel improvisiert werden: Statt Marmelade gab es eine Ersatzmischung aus Sirup, Mehl und Backaroma. Das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg stand keineswegs unter einem guten Stern: Die meisten Männer waren in Kriegsgefangenschaft, etliche galten als verschollen.

Über Weihnachten 1947 berichtet Hermann Havel in der Straacher Chronik, dass Paul Hesse mit dem Schlitten von Haus zu Haus gefahren sei und ein Laib Brot sowie eine Anweisung auf ein Pfund Fleisch verteilt habe. Was das in der schweren Nachkriegszeit bedeutete, berichteten noch nach vielen Jahren die alten Leute. Mit zitternden Händen und Tränen in den Augen habe man die Gaben angenommen.

Hinweis: 

Das Haus der Geschichte, in der Schlossstraße 6, hat am 24. Dezember 2015 sowie am 31. Dezember 2015 und am 1. Januar 2016 geschlossen. Am ersten Weihnachtsfeiertag ist von 13 bis 17 Uhr, am zweiten Weihnachtsfeiertag von 10 bis 17 Uhr geöffnet.




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