Superwilli aus dem Buch „Willis Welt“ von Birte Müller. Foto: Veranstalter

Superwilli aus dem Buch „Willis Welt“ von Birte Müller. Foto: Veranstalter

22.04.2018

Ausgrenzung durch Normierung: Ist unser Blick behindert?

Außergewöhnliche Tagung: Was heißt schon normal?

Wittenberg (wg). „Wenn wir die Behinderung eines Menschen nur als Defizit sehen, ist dann nicht unser Blick behindert, ist nicht jedes Leben gleichwertig?“ fragt Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie, der auf eine „außergewöhnliche Tagung“ hinweisen möchte, die unter dem Titel „Zwischen Normalität, Normierung und Euthanasie“ einen Bogen spannt von der Euthanasie im Nationalsozialismus über medizinethischen Fragen der Gegenwart bis hin zu aktuellen rassistischen Tendenzen. Teilnehmer der Tagung vom 4. bis 6. Mai können sich auf hochkarätige Referenten freuen. 

Dazu gehört Götz Aly, Berliner Historiker und Autor und selber Vater eines behinderten Kindes, der unter anderem das Buch „Geschichte der Euthanasie in Deutschland“ veröffentlicht hat. Aly stellt eine Querverbindung her zwischen den nationalsozialistischen Morden an Behinderten und der zeitlich nachgeordneten Shoah. So wurden in Euthanasie-Tötungsanstalten wie Grafeneck, Hadamar und Pirna Behinderte als die ersten Nazi-Opfer vergast. Viele Täter finden sich später wieder in den Vernichtungslagern im Osten. 

Nicht weniger wichtig ist nach Ansicht Alys aber das Verhalten der deutschen Bevölkerung: Mit den Morden an Behinderten wurde getestet, inwieweit die Deutschen bereit waren, die systematische staatliche Ermordung von Menschen aus ihrer nächsten Umgebung auf der Grundlage einer rassistischen Begründung hinzunehmen. Dadurch, dass selbst circa 90 Prozent der Familienmitglieder nicht gegen die Deportation der in Heimen befindlichen Behinderten einschritten, hatte man eine Blaupause für den Umgang mit der seit Jahren gezielt propagandistisch angefeindeten jüdischen Minderheit. 

„Gegen die Euthanasie hat es kirchlichen Widerstand gegeben“, erklärt Kramer und verweist auf den katholischen Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen und Lothar Kreißig, einer der wenigen Richter, der aktiv Widerstand gegen die Euthanasie-Programme leistete und Mitglied der Bekennenden Kirche war. 

Ebenfalls am Sonnabend spricht Prof. Dr. Anna Bergmann vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck, die sich mit den Argumentationsmustern für die Legitimation des medizinischen Tötens befasst, dem „Justified Killing“ im Bereich der Transplantationsmedizin und der Praxis der Spätabtreibungen. 

„Aufgrund der pränatalen Diagnostik werden immer weniger Kinder mit dem Down-Syndrom geboren, weil sich die Eltern für eine Abtreibung entscheiden, anderseits können Kinder mit Down-Syndom heute sehr gut gefördert werden“, so Kramer. Der soziale Druck, gesunde Kinder zu gebären, ist hoch. Verbesserte Gesundheitsversorgung, Bildung und Empowerment stehen in krassem Gegensatz zu einer Abtreibungsrate von 90 Prozent. 

Spätabtreibungen zwischen der 23. Woche und dem medizinisch definierten Geburtstermin erfolgen legal aufgrund einer pränatalen Diagnostik mit einer medizinisch sozialen Indikation und gleichen nach Ansicht von Prof. Bergmann einem Infantizid. Immerhin erfolgt eine Spätabtreibung durch die künstliche Einleitung einer Geburt, die eine Totgeburt zum Ziel hat und in der Regel mit Hilfe einer für den Fötus tödlichen Kaliumchlorid-Spritze noch im Mutterleib herbeigeführt wird.

Im Gegensatz zur gesellschaftlichen Ächtung einer von Eltern vorgenommenen Kindstötung genießt die medizinisch praktizierte Abtreibung im letzten Schwangerschaftsdrittel, in dem das ungeborene Kind als Frühgeburt lebensfähig wäre, eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Man könnte auch sagen: die freiwillige Euthanasie ist allgemein akzeptiert, weil die Definition dessen, was als Norm oder normal zu gelten hat, verinnerlicht ist, einschließlich der damit verbundenen Selektionsparadigma. „Schwangerschaftsabbrüche sind verboten, bleiben aber unter bestimmten Bedingungen straffrei“, erklärt Kramer. „Man kann keine Frau zwingen, ein behindertes Kind auszutragen und trotzdem stellt sich die Frage, ob nicht jedem Leben eine Chance gegeben werden muss.“ 

Christiane Thiel von der Evangelischen Studierenden Gemeinde Halle, gibt mit einer „Theologie des Wahnsinns“ einen Denkanstoß. Wenn der Mensch das Ebenbild Gottes ist, dann trifft dies auf alle zu, also auch auf körperlich und geistig Behinderte. Was bedeutet dies aber für die Sicht auf Gott? Dass dieser eben nicht vollkommen war, wie der gefolterte und am Kreuz hingerichtete Gottessohn? 

Vorgestellt wird auch das auf Inklusion angelegte Touchdown 21-Projekt, in dem Menschen mit und ohne Down-Syndrom zusammenarbeiten und alles über das Leben von Menschen mit diesem Syndrom zusammentragen. Leiterin ist Katja de Bragança, die außerdem Chefredakteurin von „Ohrenkuss“ ist, ein 1998 gegründetes Magazin für Menschen mit Down-Syndrom. 

Birte Müller stellt das Buch „Willis Welt: Der nicht mehr ganz normale Wahnsinn“ vor, in dem sie mit Witz und Selbstironie vom Familienalltag mit ihren beiden Kindern berichtet, eines mit Down-Syndrom. 

Hinweis 

Anmeldungen bis zum 27. April unter E-Mail: , das ausführliche Programm steht im Internet unter www.ev-akademie-wittenberg.de




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