29.12.2017

Wittenberger Sonntag liest die Mittelbayerische Zeitung

Zehn Jahre Rauchverbot: Der Rauch hat sich verzogen

Regensburg (ots) - Der Lärm hat sich gelegt, der Rauch verzogen. Vor zehn Jahren hat Bayern das damals deutschlandweit schärfste Rauchverbot eingeführt. Über kaum ein Thema vorher und nachher wurde so lange und so erbittert gestritten. Kein Wunder: Es betrifft ja jeden. Sogar die Landtagswahl haben die wütenden Raucher und Wirte beeinflusst. Die CSU, treibende Kraft des Nichtraucherschutzgesetzes, verlor die absolute Mehrheit. Hat sich der ganze Ärger gelohnt? Definitiv. Die Bürger werden sich in Zukunft vermutlich sogar auf weitere Einschnitte in ihre individuelle Freiheit einstellen müssen. 

Der Staat hat die Pflicht, die ursprünglich unbegrenzte Freiheit des Einzelnen dort zu limitieren, wo es für ein gedeihliches Zusammenleben erforderlich ist. Er hat gleichzeitig die Pflicht, alle davon nicht berührten Freiheiten zu gewährleisten. "In diesem Prinzip wechselseitiger Einschränkung von Freiheit liegt das Kriterium eines freiheitlichen Staates", sagt der deutsche Philosoph und Kant-Spezialist Prof. Otfried Höffe. 

Da das Einatmen fremden Zigarettenrauchs nachweislich die Gesundheit schädigt, blieb dem Gesetzgeber gar nichts anderes übrig, als gegen die Qualmer und pro saubere Luft zu entscheiden. Das Rauchen in den eigenen vier Wänden hingegen bleibt unangetastetes Persönlichkeitsrecht. 

Heute sieht sich der Staat mit immer mehr Bürgern konfrontiert, denen das Allgemeinwohl reichlich schnuppe ist und denen die persönlichen Bedürfnisse alleiniger Maßstab sind. Wer es sich leisten kann, fährt SUV statt Kleinwagen. Pfeif auf das Klima! Sogar am Heiligen Abend in der Kirche blickt man auf Handydisplays statt auf den Altarraum. Nur einer muss das Smartphone zücken, schon fallen alle Schranken und jeder will sein Video von der "Stillen Nacht" haben. Pfeif' auf die Andacht der Anderen! 

Sich unterzuordnen, und sei es auch nur vorübergehend, scheint allen immer schwerer zu fallen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass mittlerweile fast jeder zweite Bayer schon einmal in einen Nachbarschaftsstreit verwickelt war. Vor drei Jahren war es nur jeder Dritte. 

Der Mensch ist eigentlich ein soziales Wesen. Er hat im Lauf der Evolution gelernt, dass er bessere Überlebenschancen hat, wenn er sich mit anderen in einer starken Gruppe zusammenfindet. Doch die sozialen Kontroll- und Steuerungsmechanismen funktionieren nicht mehr wie früher: Familie, Kirche, Vereine und andere Instanzen, die traditionell Normen und Werte vermitteln, geben weniger Halt, verlieren an Bedeutung. Zugleich leben immer mehr Menschen auf engem Raum zusammen. Die Urbanisierung ist ein unumkehrbarer weltweiter Trend. Und je dichter wir einander auf die Pelle rücken, umso mehr steigen Stresspegel, Adrenalinspiegel und Aggressionspotenzial. Soziale Kontrolle wird von Überwachungskameras und patrouillierenden Polizisten übernommen. Allein kriegen die Menschen das nicht mehr geregelt. 

Schon allein, weil wir zu viele sind und zuviel Schmutz machen, muss immer öfter der Staat ran. Demnächst stoppt er das Lieblingsspielzeug der Deutschen. Ein Tempolimit auf der Autobahn hat die Automobilistenlobby bislang verhindert, doch das Dieselfahrverbot für Innenstädte wird kommen. Ein nächster, nur logischer Schritt ist das Verbot von Silvesterböllerei in den Innenstädten. Alljährlich werden dabei laut Bundesumweltamt 5000 Tonnen Feinstaub frei gesetzt. Diese Menge entspricht, man glaubt es kaum, rund 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge. Das Wutgebrüll passionierter Böllerer wird lauter sein als alle Jahreswechselheuler. Zehn Jahre später wird es heißen: War doch eigentlich sehr viel Rauch um nichts.




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